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Die Unschärfe der Welt

Autorin

Iris Wolff

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Iris Wolff stellt ihrem Roman einem Gedicht des in Berlin lebenden Richard Wagner aus seiner letzten Sammlung von 2017 voraus. 

 

 

„Ich sah

 den Stein schmelzen

und die Liebe gehen

 

ruft der Vogel

aus dem Baum

 

Wir sagen: 

Er singt“. 

 

-Richard Wagner-

 

Richard Wagner (* 10. April 1952 in Lovrin, Banat, Volksrepublik Rumänien) ist ein rumänisch-deutscher Schriftsteller.

https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Wagner_(Schriftsteller), 04.06.2021. 

 

Sieben Episoden

 

Iris Wolff erzählt auf hervorragende Weise eine bewegte Geschichte einer deutschen Familie im rumänischen Banat über vier Genrationen. Der Roman spannt einen Bogen eines Zeitraums von etwa einem Jahrhundert beginnend vom Ende der Monarchie, die Zeit der Volksrepublik und sozialistischen Republik bis etwa zur Jahrtausendwende.

In sieben Episoden wechseln die Figuren, die im Mittelpunkt des Romans stehen.

 

Die erste Episode beginnt mit den zentralen Figuren Florentine und Hannes und mit der Geburt ihres Sohnes Samuel.

Der Pfarrer Hannes und seine Frau Florentine leben in einem Dorf im Banat. Florentine ist in der Stadt aufgewachsen und bald hat sie sich an das Landleben gewöhnt. Sie freundet sich mit Nika an, die verheiratete ist und drei Kinder hat. Nika und Florentine verbringen ihre Zeit gerne bei Kaffee und Sauerkirschlikör, bis Nika an einer versuchten Abtreibung stirbt. 

Zu den anderen Dorfbewohnern findet Florentine kaum Kontakt, denn sie spricht nicht gerne. 

 

„Ihr Schweigen musste wirken, als hielte sie sich für etwas Besseres. Florentine spürte Worten gegenüber einem nie ganz aufzulösenden Unbehagen. Die Unschärfe der Aussagen verunsicherte sie. Wie sehr sie sich auch bemühte: Sprechen reichte nicht an die Wirklichkeit der Erfahrungen heran.“ (S.21/22) 

 

Auch ihr Sohn Samuel spricht spät und nicht viel. Das erste Wort das er spricht, „»Zăpadă«“ – Schnee.

 

Iris Wolf beschreibt in den weiteren Episoden einen schillernden Mikrokosmos der unterschiedlichsten Figuren. Ruth und Severin und Echo, ihren Sohn, der in der Marosch ertrunken war. Samuels Freund Oswald, die Freundinnen Livia und Stana, der Spitzel Konstanty und dessen integre Frau Malva, das homosexuelle Besucherpaar aus der DDR und auch Liv. Das Leben zeigt sich in allen Facetten, ihren Hoffnungen, Sehnsüchten, Ängsten, Abschied, Verlust.

 

„Es gab eine Zeit, die vorwärts eilte, und eine Zeit, die rückwärts lief. Eine Zeit, die im Kreis ging, und eine, die sich nicht bewegte, nie mehr war als ein einzelner Augenblick.“ (S.41)

 

Karline, Hannes‘ Mutter, sehnt manchmal die frühere Zeit zurück, als ihre Familie noch wohlhabend war und der König ihr einmal die Hand gegeben hatte. Nun lebt sie im Sozialismus und erzählt ihrem Enkel Samuel Geschichten aus dieser Zeit.

 

Themen

 

Ihre Figuren sind eingebettet in Themen wie Familie Kommunikation, Freundschaft, Verlust Zugehörigkeit, Einsamkeit, Heimat und Sprache. 

„Die Unschärfe der Welt“ ist kein politischer Roman aber doch zeigt er genau das Leben unter der Herrschaft von Ceausescu. Iris Wolf lässt in ihrem Roman Samuel das erste Wort sprechen und das ist kein deutsches: „Zapada" bezeichnet auf Rumänisch den Schnee. Der Schnee, der Stille hervorruft und alles unter sich bedeckt. Der Schnee als Metapher für das unterdrückte Volk unter der Herrschaft von Ceausescu, das brutalste kommunistische Regime des gesamten Ostblocks. 

Iris Müller spart diese Thematik nicht aus. Aber statt eines direkten, anklagenden Tons, wählt sie den Sarkasmus. „Der Sohn der Sonne liebte sein Volk.“ (S.130)

Titulierungen seiner Selbstverherrlichung: „Sohn der Sonne", „Genie der Karpaten", „Conducator", „Titan", „Auserwählter", „großer Navigator“. (Vgl. S.129 ff.)

„Das Genie der Karpaten lebte bescheiden.“ (S.130)

 

Wie selbstverständlich leben die Spitzel des Geheimdienstes Securitate mitten unter ihnen im Dorf. Die Menschen ahnen und kennen diese. Trotz der Gefahr werden Gäste im Pfarrhaus beherbergt und Folgen in Kauf genommen. 

 

Stil und Sprache

 

Der Roman beginnt mit Samuels Geburt in den 1960er Jahren. In personaler Erzählform aus Sicht von Samuels Mutter Florentine wird seine Kindheit und Jugend erzählt, wie Samuel sie unter dem stalinistischen Conducător Nicolae Ceausescu und dessen Geheimdienst "Securitate" erlebt hat. Die nächsten Kapitel erzählen von seinen Großeltern, Freunde und Dorfbewohnern. Im Schlusskapitel kommt Liv, die Tochter Samuels, zu Wort.

 

„Die Erinnerung ist ein Raum mit wandernden Türen. Manchmal trifft dich der Schatten eines Berges, manchmal ein Wort.“ (S. 69)

 

Dabei hat Iris Wolf eine sensible Schreibweise und ihr Stil über dem Banat zu schreiben ist lebensnah, hat sie doch selbst ihre ersten acht Jahre in Siebenbürgen und Banat verbracht, ehe die Familie 1985 in die Bundesrepublik ausreiste.

 

Ihre Sprache in poetischen Bildern, stilsichere Sätze und Worte schaffen Raum für viel Stoff zum Nachdenken.

 

Fazit

Sieben Protagonisten über vier Generationen erzählen von ihrer Biografie, die alle miteinander verwoben sind, vor dem Hintergrund in einer geschichtlich bedeutsamen Zeit des 20. Jahrhunderts. 

 

Iris Wolff erzählt in ruhiger, klarer Sprache bildhaft unzählige Kleinigkeiten des Lebens. Lebenswege, die sich kreuzen, Perspektiven, die sich verschieben. Sie schreibt völlig unaufgeregt und trifft damit genau die authentische Atmosphäre. 

Es ist ein leises Buch, manchmal sarkastisch, dann wieder ganz behutsam und hinterlässt eine angenehme Erinnerung.

 

„Etwas kann sooft und eindrücklich erzählt werden, dass man meint, sich selbst daran zu erinnern. Einige Geschichten werden immer wieder erzählt, Sinnzusammenhänge erneuern sich, bislang unbekannte Deutungen tauchen auf – und mit Erzählen verändern sie sich, stetig, unmerklich.“ (S. 183) 

Schlusskapitel Prestigio.

 

Ein beindruckender Roman. Ein außergewöhnlicher Roman. 

 

 

 

Nachtrag von Hana

 

Die Geschichte im Buch „Die Unschärfe der Welt“ fängt an und endet in Rumänien. Die Nachkriegsjahre waren bis in die 1950er Jahre durch stalinistische Politik der Kommunistischen Partei gekennzeichnet (bewaffnete antikommunistische Wiederstand, Bauernaufständen, Verschleppung von Rumäniendeutschen in die Sowjetunion, Enteignung und Kollektivierung der Landwirtschaft)

Das Buch beginnt in der Region Banat (Kindheit der Autorin) am Ende der sechziger Jahre. Diese Periode wird als eine Periode politischen Tauwetters bezeichnet. Es beschreibt eine Zeit der relativen Liberalisierung in der Sozialistischen Republik Rumänien. Ihre Hauptkennzeichen waren die Lockerung der Parteikontrolle vor allem auf kulturellem Gebiet sowie die Rehabilitierung Intellektueller und Künstler.

1965 wurde Nicolae Ceausescu zum neuen Parteichef der Kommunistischen Partei ernannt. Der Machtwechsel belebte die Hoffnung der Bevölkerung auf eine Verbesserung der allgemeinen Situation. Er propagierte die Politik einer angeblichen politischen Neutralität und forderte 1966 die Abschaffung der Militärblöcke.

Obwohl die Außenpolitik Ceaușescus den sowjetischen Nachbarn reizte, einen innenpolitischen Vorwand zum Eingreifen wie in der Tschechoslowakei fanden die Sowjets in Rumänien nicht. Die Diktatur der Kommunistischen Partei, ihre „führende Rolle“, war unangefochtener als in den meisten anderen Ostblockstaaten.

 Die Liberalisierungsphase erreichte ihren Höhepunkt 1968, als sich Staats- und KP-Chef Ceaușescu weigerte zusammen mit den anderen Staaten des Warschauer Pakts den Prager Frühling zu unterdrücken. Na, habt ihr es bis hierher geschafft? Ich habe mich sehr bemüht, unauffällig mein Heimatland Tschechien zu erwähnen.

Mittels ausländischer Kredite und durch die Umsiedlung von Teilen der Landbevölkerung in die Städte sollte das agrarisch geprägte Land mehr industrialisiert werden.

Diese Maßnahmen führten jedoch nach einigen vielversprechenden Anfängen nicht zum gewünschten Erfolg, sondern seit den späten 1970er Jahren vielmehr zu einer Versorgungskrise. Der Wirtschaftsmangel wurde in dem Buch (Schlangen vor leeren Geschäften, Regime-Gehilfe dagegen Vorratszufuhr) thematisiert. 

Trotzdem bewahrte Ceaușescu seine Macht zunächst durch die Geheimpolizei (Verhör vom und einen Personenkult (Titan,,,). Nach dem Mauerfall der Wende 1989 im sog. Ostblocks kam es zur Revolution. Demonstranten forderten das Ende des mit Gewalt regierenden Ceaușescu-Regimes. Die Geheimpolizei setzte daraufhin Schusswaffen ein, während Teile der regulären Armee dem Regime die Unterstützung verweigerten und Widerstand leisteten, was zu Straßenkämpfen mit mehr als 1000 Todesopfern führte. Nachdem sich die Armeeführung mit den Demonstranten verbündet hatte, wurde Ceaușescu am 25. Dezember 1989 vor ein Militärgericht gestellt und nach einem kurzen Schauprozess zusammen mit seiner Frau erschossen. Auch nach der Flucht von Ceaușescu kam es von 22.–31. Dezember 1989 noch zu 900 Todesfällen. 

Iris Wolff wurde geboren 1977 in Hermannstadt, Siebenbürgen.  Ihre Kindheit verbrachte sie in Semlan im Banat bevor sie 1985 mit ihrer Familie nach Deutschland auswanderte. Später studierte sie Deutsche Sprache und Literatur, Religionswissenschaft sowie Grafik und Malerei an der Universität Marburg. Heute lebt sie in Freiburg im Breisgau. Für ihre Romane wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt sie 2019 den Marieluise-Fleißer-Preis für ihr Gesamtwerk. Ihr Roman „Die Unschärfe der Welt“ war ein großer Publikums- und Kritikererfolg und wurde mit insgesamt vier Literaturpreisen geehrt. Die Autorin lebt in Freiburg im Breisgau.

In „Die Unschärfe der Welt“ verbinden sich die Lebenswege von sieben Personen, sieben Wahlverwandten, die sich trotz Schicksalsschlägen und räumlichen Distanzen unaufhörlich aufeinander zubewegen. So entsteht vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein großer Roman über Freundschaft und das, was wir bereit sind, für das Glück eines anderen aufzugeben. 

 

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