Herbsttag 1

 

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluren lass die Winde los. 

 

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;

gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin, und jage

die letzte Süße in den schweren Wein. 

 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.  

 

Rainer Maria Rilke, 21.9.1902

 

Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2006, S. 304.

 

 

Historisch

Rainer Maria Rilkes Gedicht „Herbsttag" erschien 1902 in „Das Buch der Bilder“ im Berliner Verlag Axel Juncker. Um 1900 bis 1902 hielt Rilke sich in der Künstlerkolonie Worpswede auf. Er machte dort die Bekanntschaft mit der Malerin Paula Becker und Clara Westhoff, eine deutsche Bildhauerin und Malerin. 1901 heiratete er Clara Westhoff und seine Tochter Ruth wurde geboren. 

In Worpswede entstanden viele seiner Gedichte, die das Leben in der Künstlerkolonie Worpswede als Inhalt haben. 

 

Die „lyrische Ernte aus Worpswede und Berlin“2 wurde in seinem Gedichtband „Das Buch der Bilder“ aufgenommen. 

 

2 Rilke Handbuch,Leben - Werk - Wirkung,Sonderausgabe,Herausgegeben von Manfred Engel unter Mitarbeit von Dorothea Lauterbach, Verlag J. B. Metzler Stuttgart · Weimar, © 2013 Springer-Verlag GmbH Deutschland Ursprünglich erschienen bei J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2013, S. 4. 

 

Meine Interpretation

Inhaltsangabe

Das Gedicht beschreibt in wenigen Worten und Zeilen die Veränderung der Jahreszeit von Sommer zu Herbst. Dabei steht zunächst die Natur im Mittelpunkt, während in der dritten Strophe der Blickwinkel auf den Menschen in dieser Veränderung sich richtet.

 

 

1. Strophe

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluren lass die Winde los. 

 

Die Strophe besteht thematisiert den Übergang vom Sommer zum Herbst. 

  

Das lyrische Ich wünscht diesen Übergang herbei. Das Gedicht beginnt mit der Anrufung: „Herr, es ist Zeit“. Der nachfolgende Satz „Der Sommer war groß“ und die folgenden Verse „Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, /und auf den Fluren lass die Winde los“ nehmen Bezug auf eine höhere Macht, die Einfluß auf Veränderung des Zeitenwechsels hat. 

Das lyrische Ich stellt den Sommer dem Herbst gegenüber. Der Sommer, der nun langsam entschwindet, wird durch die Sonnenuhr, die mehr und mehr in den Schatten des Herbstes gerät, bildlich dargestellt. Schatten und Winde symbolisieren den Herbst. Der Sommer war „groß“, was Leben und Freude bedeutet. Doch der Herbst mit „Schatten“ zeigt die Vergänglichkeit, die auch von der „Sonnenuhr“ nicht aufgehalten werden kann.

 

2. Strophe

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;

gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin, und jage

die letzte Süße in den schweren Wein.

 

Diese Strophe enthält eine Steigerung der Zeilen und besteht nun aus vier Zeilen.

 

Das lyrische Ich bittet um noch etwas längere Sonnentage, damit die Ernte gut ausfällt. Insbesondere der Wein soll noch mehr „Süße und Schwere“ bekommen. Rilke nutzt die Worte „dränge“ und „jage“. Damit wird Verlängerung der Wärme und Helligkeit des Sommers heraufbeschworen.

Das lyrische Ich verlässt mit diesen Worten die Ruhe und es wirkt, als ob in der letzten Phase noch eine Vollendung vollbracht werden muss, um den Herbst zu beginnen.

 

3. Strophe 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.  

 

Die dritte Strophe weicht von den beiden ersten Strophen ab. Sie verlässt die Ebene der „Natur“ und     nimmt auch die Gebetsform der beiden vorherigen Strophen nicht auf. 

Im Mittelpunkt steht nun der Mensch. Der Mensch kann dem Herbst nicht entfliehen. Auch er muss sich auf den Herbst seines Lebens vorbereiten. Hat er vorgesorgt? Weiß er, wo er hingehört?

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Wird die Einsamkeit kommen? „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“. Nun ist die Zeit gekommen, um sein Leben zu reflektieren. „Er wird wach sein und lesen und lange Briefe schreiben“. Er wird nach draußen gehen und unruhig sein, weil er nicht weiß, wohin der Weg ihn noch führt, „die Blätter treiben.“ In der dritten Strophe, letzte Zeile, beschreibt Rilke wieder die Natur direkt: „wenn die Blätter treiben.“

Es schließt sich der Kreis von Natur - Mensch - Natur.

 

Fazit

Rilke baut mit dem Gedicht „Herbsttag“ ein Stimmungsbild des Herbstes in seiner Vollendung auf und setzt dagegen die Einsamkeit des Menschen in seinem „Herbst“. Der Herbst in der Natur spiegelt die Vollendung wider. Rilke stellt in seinem Gedicht die Doppeldeutigkeit des Herbstes dar. Die Schatten werden länger und damit die Tage kürzer. Die Ernte wird eingefahren und die Vorbereitung auf den Winter beginnt. Es wirkt wie eine Bedrohung, wenn der Mensch auf seinen „Herbst“ nicht vorbereitet ist. 

Ich meine, dass das Gedicht „Herbsttag“ die Veränderung in der Natur und gleichzeitig auch die Vergänglichkeit des Lebens zeigt. 

Dem Herbst folgt unaufhaltsam der kommende Winter, der Erstarrung und Tod symbolisiert.

 

Quellen 

  • Primär

Rilke, Rainer Maria, Die Gedichte, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2006.

 

  • Sekundär

Rilke Handbuch, Leben - Werk - Wirkun, Sonderausgabe, Herausgegeben von Manfred Engel, 

unter Mitarbeit von Dorothea Lauterbach, Verlag J. B. Metzler Stuttgart · Weimar, © 2013 Springer-Verlag GmbH Deutschland Ursprünglich erschienen bei J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2013. 

 

 

Arbeit zitieren

Autor Petra Gleibs,  Oktober 2021, Buchvorstellung Rainer Maria Rilke, https://www.lesenueberall.com/rainer-maria-rilke/interpretation-herbsttag/