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Schatten der Gondeln, John Banville

John Banville erweist sich in Schatten der Gondeln erneut als Meister der schwebenden Zwischenräume. Er changiert zwischen Erinnerung und Illusion, zwischen Selbsttäuschung und Erkenntnis, zwischen Schönheit und Verfall. Der Roman entfaltet seine Wirkung weniger durch äußere Handlung als durch eine psychologische Verdichtung, die den Leser tief in die brüchige Innenwelt der Figuren hineinzieht. 

 

Evelyn Dolman heiratet Laura Rensselaer in der Erwartung, durch sie zu Wohlstand und gesellschaftlichem Ansehen zu gelangen. Doch kurz nach der Hochzeit erfährt das Paar, dass Laura von ihrem Vater enterbt wurde und das gesamte Vermögen an ihre Schwester geht. Auch Dolmans Auftrag, eine Biografie über den verstorbenen Vater zu schreiben, wird ihm entzogen. Dolman und Laura reisen, wie geplant, in die Flitterwochen nach Venedig. Im düsteren Palazzo Dioscuri wird die Stimmung zunehmend bedrückend und geheimnisvoll. In der ersten Nacht begegnet Dolman im Café Florian einem angeblichen Schulfreund und dessen attraktiver Schwester, zu der er sich sofort hingezogen fühlt. Nach einer gewaltsamen Begegnung mit Laura verschwindet sie am nächsten Morgen spurlos. Für Dolman beginnt damit eine Reihe merkwürdiger Ereignisse und mysteriöser Zufälle, die ihn immer tiefer in ein unheimliches und rätselhaftes Geschehen hineinziehen.

 

„Das ließ mich darüber nachdenken, wie viele der anderen blutrünstigen Anekdoten, mit denen der Graf uns bedacht hatte, womöglich geborgt, ausgeschmückt oder gar schlichtweg frei erfunden waren.“ (S. 59)

 

Venedig bildet dabei weit mehr als nur eine malerische Kulisse. Banville entwirft die Lagunenstadt als symbolischen Resonanzraum, der an Thomas Manns Roman Tod in Venedig erinnert. Das touristische Postkartenidyll wird bewusst unterlaufen zugunsten eines Venedigs voller Feuchtigkeit, Moder und bröckelnder Architektur, gleich einem Bild einer Stadt, die zugleich verführerisch und abweisend ist. In den flirrenden Spiegelungen der Kanäle beginnen Realität und Projektion zu verschwimmen. Evelyn Dollman, die zentrale Figur, verliert zunehmend die Gewissheit über das, was tatsächlich geschieht.

 

"Inzwischen war ich an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr klar unterscheiden konnte, was wirklich geschehen war und was ich mir nur eingebildet hatte. Es war alles die Schuld von Venedig.“ (S. 314)

 

Der Roman ist atmosphärisch durchzogen von einem leisen, kaum greifbaren Unheimlichen, ohne je in einen klassischen Schauerroman abzurutschen. Banville benötigt weder Geister noch übernatürliche Elemente. Die Bedrohung liegt in den dunklen Regionen menschlicher Psyche, die sich im Nebel der Lagune spiegeln. Gerade diese Zurückhaltung macht den Text literarisch reizvoll und zugleich beklemmend.

 

Beeindruckend wirkt Banvilles Erzählstimme, ein eleganter, leicht altmodischer Ton, in dem immer wieder poetisch verdichtete Formulierungen aufleuchten und zum Innehalten einladen. Mit feiner Hand modelliert der Autor Stimmungen, lässt Orte und Gefühle ineinander übergehen und erzeugt eine Atmosphäre großer literarischer Suggestion.

 

„Die Fassaden der Häuser schienen bedrohlich näher zu rücken, wenn ich an ihnen vorbeiging, während die Rufe der Straßenhändler, die ihre Waren anpriesen, in meinen Ohren so klangen wie höhnischer Spott und derbe Provokationen.“ (S. 217) 

 

Das Intrigenspiel, das sich um Evelyn Dolman entspinnt, wird zwar kunstvoll angedeutet, führt jedoch nur selten zu einer wirklich nachvollziehbaren inneren Entwicklung.

Ähnliches gilt für die Nebenfiguren. Sie existieren eher als geheimnisvolle Schattenrisse. Das Spiel mit literarischen Anspielungen verstärkt den Eindruck einer Inszenierung, die ästhetisch glänzt.

 

Schatten der Gondeln ist kein Roman, der mit erzählerischem Tempo besticht, sondern einer, der ganz auf Atmosphäre, psychologische Zwischentöne und metaphorische Verdichtung baut. Banville gelingt ein melancholisch-düsteres Psychogramm eines Mannes, der sich im Labyrinth seiner eigenen Sehnsüchte verliert. Ein Venedigroman, der verführt, trübt und verstört. 

 

„Ich bemühe mich, meine Geschichte aus meiner damaligen Perspektive heraus zu erzählen – noch in glücklicher Unwissenheit über all das, was ich heute weiß.“ (S. 29)

 

Wer ein spannungsgetriebenes Venedig-Erlebnis erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein; wer allerdings sprachliche Präzision, ästhetische Feinheit und ein literarisches Spiel mit Wahrnehmungsverschiebungen schätzt, wird in diesem Roman eine vielschichtige, lange nachwirkende Lektüre finden.

 

 

 

 

John Banville 

Schatten der Gondeln

 

Originaltitel

Venetian Vespers

Übersetzt von

Elke Link

 

Erschienen 06.11.2025

Kiepenheuer & Witsch GmbH

 

 

 

Arbeit zitieren

Autorin Petra Gleibs, Dezember 2025, Buchvorstellung John Banville, Schatten der Gondeln  https://www.lesenueberall.com/schatten-der-gondeln-john-banville/  

 

 

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