Schon der Titel dieses Romans irritiert und weckt Neugier: „Nicht“. Ein ungewöhnlicher Titel, der Aufmerksamkeit erzeugt und auf eine besondere Geschichte hoffen lässt. Hinter diesem schlichten Wort verbirgt sich ein psychologisch angelegter Roman, der weniger durch Handlung als vielmehr durch innere Konflikte wirken möchte.
Im Mittelpunkt steht Eli, ein Anfang fünfzigjähriger, verwitweter Übersetzer, der äußerlich ein ruhiges und geordnetes Leben führt, innerlich jedoch von Einsamkeit und Unsicherheit geprägt ist. Die Begegnung mit Lia bringt neue Hoffnung in seinen Alltag. Als Eli während ihrer Reise auf ihren Hund Felix aufpasst und dieser überfahren wird, beginnt er aus Angst vor Verlust zu lügen und gerät immer tiefer in Schuldgefühle und Selbstzweifel.
Interessant ist vor allem die ungewöhnliche Erzählweise. Die Geschichte wird in der Du-Perspektive erzählt, fast wie ein innerer Monolog oder ein Gespräch mit dem eigenen Gewissen. Das ist literarisch durchaus spannend, wirkte auf mich aber oft anstrengend und künstlich konstruiert. Vor allem die vielen inneren Monologe und zusammengefassten Dialoge bremsten die Handlung immer wieder aus. Statt emotionaler Nähe entstand bei mir eher Distanz zu den Figuren.
Dror Mishani konzentriert sich stark auf die psychologische Entwicklung seiner Figuren und verzichtet weitgehend auf klassische Spannungselemente. Dadurch entstehen zwar interessante Gedanken über Schuld, Sehnsucht und Selbsttäuschung, gleichzeitig zog sich die Handlung für mich aber deutlich in die Länge. Viele Szenen wirkten unnötig ausgedehnt und überdramatisiert. Statt natürlich oder emotional überzeugend erschien mir manches eher literarisch gewollt.
"Am nächsten Morgen wachst du auf mit ihr. Natürlich nur in Gedanken. Sie ist in deinem Mund und deinen Ohren wie eine Melodie, …"(S. 13)
Auch Eli blieb für mich nicht immer nachvollziehbar. Seine Entscheidungen sorgten bei mir häufiger für Frustration als für Mitgefühl. Lia wiederum bleibt über weite Strecken blass und rätselhaft. Zwar mag genau das beabsichtigt sein, dennoch hätte ich mir mehr Tiefe und mehr Einblick in ihre Gedanken gewünscht. So fiel es schwer, die Beziehung zwischen den beiden wirklich greifbar oder berührend zu finden.
Sprachlich ist der Roman ruhig und präzise geschrieben, teilweise fast poetisch. Gleichzeitig fehlte mir jedoch mehr Dynamik. Die ständigen gedanklichen Wiederholungen und Monologe nahmen der Geschichte viel Tempo, sodass nur selten echte Spannung entstand.
Das offene Ende passt zwar zum Stil des Romans, ließ mich persönlich aber eher unbefriedigt zurück. Viele Fragen bleiben offen, ohne dass daraus für mich ein wirklicher Mehrwert entstand.
„Nicht“ ist sicher ein literarisch anspruchsvoller Roman mit einer ungewöhnlichen Erzählform und psychologischem Fokus. Mich konnte das Buch jedoch nicht wirklich überzeugen, da die Handlung oft schwerfällig wirkte und die Figuren emotional auf Distanz blieben. Letztendlich erschien es mir wie ein Labyrinth ohne Ausweg. Wer ruhige, introspektive Literatur mag, wird vermutlich mehr entdecken als ich.
Dror Mishani
Nicht
Diogenes Verlag AG, Sprecherstrasse 8, 8032 Zürich, [email protected]
Erscheinungsdatum
22. April 2026
Arbeit zitieren
Autorin Petra Gleibs, Mai 2026, BuchvorstellungDror Mishani, Nicht
https://www.lesenueberall.com/nicht-dror-mishani/
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