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Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus

 

Autor

Jana Revedin

 

Inhalt

Ise Frank ist sechsundzwanzig Jahre alt, als sie am 28. Mai 1923 an der Technischen Hochschule Hannover zum ersten Mal auf Walter Gropius trifft. Ihr Leben ändert sich. Sie stammt aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie und startete gerade eine Karriere als Buchhändlerin und Rezensentin in München. Sie heiraten und Ise Frank wird nicht nur seine Ehefrau, sondern auch Walter Gropius Sekretärin der berühmten Architektur- und Designschule. Beide begegnen sich auf Augenhöhe und so ist es nicht verwunderlich, dass Ise Frank als Journalistin und Autorin den Kurs des Bauhauses entscheidend mitbestimmen kann.

Historisch

1919 hat Walter Gropius die Kunstschule „Staatliches Bauhaus in Weimar“ gegründet. Die Gründung des Bauhauses war ein Paukenschlag und hatte zunächst viel Skepsis ausgelöst. Doch nach einigen Anlaufschwierigkeiten schlossen sich namhafte Künstler an wie zum Beispiel: Wassily Kandinsky, Paul Klee, Marcel Breuer und viele mehr. Namen, die bis heute Design bestimmen. 

Besonderen Einfluss hatte seine zweite Frau Ise Frank, die bisher in der Bauhaus-Geschichte eher unbekannt ist. Doch sie nahm im Leben des Bauhausgründers nicht nur eine wichtige Rolle ein, darüber hinaus war sie für ihn die antreibende Kraft. 

Die revolutionäre Kunst-, Design- und Architekturschule bestand zwar nur 14 Jahre, doch wirkt sie bis in die heutige Zeit. Im April 2019 jährte sich die Gründung des Bauhauses zum 100. Mal.

 

Eckpunkte

„Ise, ich brauche Sie.  (S.81)

 

Walter Gropius fühlt sich zu Ise Frank hingezogen. Beide verstehen sich gut. Walter Gropius  bezieht Ise Frank in all seine Überlegungen zum neuen Bauen ein. Er braucht sie, was er ihr ganz zu Anfang ihrer Beziehung sagt. Sie heiratet den deutlich älteren Gropius und dieser Satz von ihm wird zu einem Leitthema, das sich in ihrem Leben durchzieht. Sie ist fasziniert von dieser ihr unbekannten Welt, lässt sich auf die für sie unbekannte Materie ein und engagiert sich unermüdlich für das Bauhaus. Sie wird von den Künstlern besonders aufgrund ihrer Kreativität und präzisen wirtschaftlichen Ideen geschätzt.

 

„Seit dem zweiten Samstag mit Gropius hatte sie begonnen, auf ihren üblichen weißen Blättern zu protokollieren, was er in ihren Gesprächen über seine Schule und Lehre von sich gab.“ 

(S. 87)

 

Ise ist eine couragierte und visionäre Frau und schafft es in der Welt der Männer ihr Netzwerk aufzubauen. Sie kennt Gussie Adenauer, deren Mann Konrad Oberbürgermeister von Köln ist. Beinahe wäre das Bauhaus dort hingezogen, wenn Kandnisky, Feininger und Gropius nicht Dessau bevorzugt hätten. Sie arbeitet selbst an Entwürfen. Bruno Taut setzt einen technisierten, ergonomischen Haushalt um mit elektrisch betriebenen Service-Maschinen: der Eier-, Kaffee- und Teekocher, der Tellerwärmer, der Heißluftspüler, der Toaster, der Tischgrill“ (S. 215) 

 

„Die Zeitungen schrieben, dass Ise das Haushaltslabor der modernen Frau erschaffen habe“. (vgl.S. 215)

 

Der Nationalsozialismus wirft seine Schatten, das Bauhaus wird immer häufiger als „Judenbande“ denunziert. Erste Gedanken an Auswanderung tauchen auf.

 

Ise und Irene entwickelnden mehrere Pläne. Irene Wahl, sie dachte immer gleich mit weitem Horizont, war: Deutschland verlassen und ein neues Bauhaus in Amerika zu gründen. New York, Harvard oder Chicago die kämen als Standorte in frage. (S. 249).

 

Dann geschieht es. Das Bauhaus wird aufgelöst, nachdem die NSDAP die absolute Mehrheit im Dessauer Stadtsenat erreicht hatte.

Ise und Gropius setzen sich 1934 zuerst nach England, 1937 in die USA ab.

 

Neben der Geschichte des Bauhauses, seinen Problemen, den Erfolgen und Misserfolgen, den Ideen, den Visionen steht auch die Beziehung zwischen Ise und Gropius im Focus. Die Beziehung war nicht einfach, aber der Umgang miteinander erfolgte immer mit gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe. So wie er „Gropius“ war, so war sie „Die Frau Bauhaus“.

 

Auch die Rolle der Frauen wird in dem Roman angesprochen. Die meisten Studentinnen und weiblichen Lehrkräfte befanden sich in der Weberei, da dies scheinbar der Ausbildungsstruktur und dem traditionellen Frauenbild zu entsprach. 

Auch im Bereich der Fotografie waren Frauen präsent. Die interessante und besonders innige Freundschaft zwischen Ise Frank und der Fotografin Irene Hecht stellt eine weiteres großes Thema dar.

Allerdings fand diese Freundschaft zu Irene ein jähes Ende, als sie eine Beziehung zu Irenes Mann unterhielt und damit „das Vertrauen zischen den einstigen Weggefährten für immer zerstörte.“ (vgl. 259)

 

Stil und Sprache

Der Roman umfasst die Jahre 1923 bis 1928. Der Roman beschreibt die detaillierte Entwicklung des Bauhauses und zeigt auch die menschliche Facette auf. Im Mittelpunkt steht Ise Frank, die zur damaligen Zeit eine sehr emanzipierte Frau war. Unter ihrem Einfluss entstand das erste “Haus der emanzipierten Frau.“

Obwohl der Roman nur einen Ausschnitt aus dem Leben von Ise und Walter Gropius aufzeigt, gelingt es der Autorin doch sehr eindrucksvoll alle Facetten mit vielen interessanten Details zu schildern. Auch das einmalige kreative Umfeld und Schaffen in dieser Zeitperiode einzufangen wird eingefangen. 

Die Autorin Jana Revedin, selbst Architektin, nutzt eine sachlich distanzierte Sprache, wodurch ein reservierter und ein kühler Stil entstehen, der durchaus zu der Atmosphäre des Bauhauses passt. Auch emotionale Momente zwischen den einzelnen  Figuren bleiben sachlich. So lässt der Übergang zwischen Fiktion und Realität im Roman keine Abgrenzung zu, was wiederum auch dem Bauhausideal, der Durchsichtigkeit und der Klarheit entspricht. Ein Blick von vorne bis hinten nur durch Glas getrennt.

 

„Das Haus war tatsächlich, wie Passanten sagten, durchsichtig!“ (S. 161)

 

Kurze Rückblenden geben Einblick in das Leben von Ise Frank und lassen ihre Vergangenheit transparent erscheinen. Auch die besondere Freundschaft zu Irene Hecht, der Fotografin, nimmt einen breiten Raum ein. 

Ebenso eröffnet der Roman Einblicke in die politische und wirtschaftliche Lage der kurzen Bauhauszeit.

Der Roman teilt sich in 50 Kapitel auf, die jeweils durch eine kurze prägnante Überschrift zu dem jeweiligen Inhalt gekennzeichnet sind.

Das Kapitel 50 „Nachspiel“ enthält geschichtliche Ergänzungen und Überblick der weiteren Lebensläufe der Charaktere, wie zum Beispiel die Emigration in die USA.  

 

Am Schluss beschreibt die Autorin in einem Nachwort ihre Beweggründe den Roman geschrieben zu haben. Demnach ist dieses Buch kein Geschichtsbuch, sondern ihre Protagonisten sind „nicht mehr als «Figuren, die lebendigen Menschen gleichen »“ 

 

Fazit

Fachlich fundiert erzählt das Buch die Geschichte des Bauhauses von seinen Anfängen als bloße Idee über seine Umsetzung bis hin zu seiner Auflösung. 

Die Geschichte des Bauhauses wird authentisch geschildert, ohne ein Geschichtsbuch sein zu wollen. Verständlich wird das Prinzip Bauhaus erläutert und auch die wichtigsten historischen Persönlichkeiten des Bauhauses in Dessau werden in dem Roman lebendig.

Noch heute erinnern große Namen an die damalige Zeit, wie zum Beispiel Bruno Taut, Jean Michel Frank, Marcel Breuer, Mies van der Rohe und einige mehr. Gegenstände wie Breuers Freischwinger, Brands Teekanne und Wagenfelds Glaslampe sind bis heute Produkte dieser Zeit.

 

„«Breuers Freischwinger, Brands Teekanne, Wagenfelds Glas, das könnten Produkte werden, die qualitätsvolles Industriedesign, so wie ich es verstehe, für unser neues Jahrhundert definieren».“ (S.120)

 

Die Autorin Jana Revedin hat gut recherchiert und es ist ein biografischer Roman entstanden, der auf Fakten basiert, aber trotzdem fiktiv ist. Jana Revedin beschreibt es so in ihrem Nachspiel:

Und so basieren alle Charaktere und ihre Handlungen auf Fakten, die, besonders in der von mir gewählten Form eines biografischen Romans, niemals dicht und vollständig sind. Deshalb können alle Gespräche und Begegnungen, besonders in Bezug auf Ise Franks Jugendjahre und ihre schicksalhafte Beziehung zu Irene Hecht so, aber auch anders verlaufen sein.“ (S. 260) 

 

Ise Frank „Frau Bauhaus“ steht für das Bauhaus als solches und unabhängig von ihrem Mann Walter Gropius. Sie hat gezeigt, dass sie nicht nur am Lebenswerk ihres Mannes sich identifiziert, sondern eine engagierte Frau und kreative Partnerin an der Seite des Architekten und Bauhausgründers Walter Gropius war.

 

„Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus.“

 

 

Anmerkung:

Das Cover der Taschenbuchausgabe entspricht dem Cover der E-Bookausgabe

Die Seitenzahlen beziehen sich auf die E-Bookausgabe.

 

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