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In deinem Schlaf

„Es gibt zwei Arten von Menschen: 

Jene, die den Krieg erlebt haben,

Und jene , die davon verschont blieben.

Doch dazwischen gibt es andere - schmale Seilbrücken

Zwischen Krieg und Frieden, die Schaukelwerke der Zeit.“

Anfangszitat „In deinem Schlaf“ von Ekaterine Togonidze

 

Mit ihrem neuen Roman In deinem Schlaf führt die georgische Autorin Ekaterine Togonidze (geb. 1981) ihre literarische Auseinandersetzung mit körperlicher und seelischer Verletzlichkeit fort. Bereits ihr Debüt Einsame Schwestern (2011), das erste georgische Werk über körperliche Behinderung, machte sie zu einer der markantesten Stimmen der georgischen Gegenwartsliteratur. Für ihr Schaffen wurde sie 2012 mit dem renommierten Saba-Preis ausgezeichnet.

Die deutsche Übersetzung stammt von Katja Wolters (geb. 1971 in Georgien), die seit 2001 zahlreiche georgische Autorinnen und Autoren ins Deutsche übertragen hat und ebenso Werke von García Márquez, Borges und Tokarczuk ins Georgische übertrug.

 

Im Zentrum des Romans steht die Schauspielerin Nia Kandelaki, die mit ihrer zehnjährigen Tochter Gabriela in einer kleinen Wohnung in Tbilisi lebt. Nach einem schweren Erdbeben fällt Gabriela in einen tiefen Schlafzustand, eine Folge des seltenen Resignationssyndroms, das oft bei Kindern aus asylsuchenden Familien auftritt. Das Mädchen ist völlig regungslos, wird künstlich ernährt und muss rund um die Uhr gepflegt werden.

 

Gemeinsam mit ihrer Mutter und einer Pflegerin kümmert sich Nia um das Kind. Doch die Belastung ist enorm: finanziell, körperlich und seelisch. Hinzu kommt die Schuld, die sie ihrem Ehemann Demna gibt. Er hatte während des Erdbebens die Wohnung verlassen und Gabriela allein zurückgelassen. Seitdem herrscht Funkstille zwischen den beiden.

Unerwartet erhält Nia die Hauptrolle in einem Kriegsfilm mit dem Titel Der Pass. Das Werk, das auf historischen Ereignissen rund um den Konflikt zwischen Georgien und Abchasien basiert, führt sie an die seelischen Bruchstellen ihrer Vergangenheit zurück.

 

„‚Nani wird hellwach. ‚Welcher Pass?‘‚Ja, genau der Pass. Der Tschuberi-Pass. Es geht um Abchasien.‘‚Und wen spielst du?‘ Freudig umarmen die Frauen Nia.‚Die Hauptfigur, Anna, die mit ihrem Kind aus Sochumi flieht und den Pass überquert. Manhat mir gesagt, dass es ein Film über Kriegstraumata sei. Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen – in der Gegenwart und vor sechsundzwanzig Jahren.‘“ (S. 95)

 

Der Film wird zum zentralen Spiegelmotiv des Romans: Während Nia spielt, wird sie gezwungen, sich ihren verdrängten Erinnerungen und dem Schmerz der eigenen Geschichte zu stellen.

 

Togonidze erzählt auf wechselnden Zeitebenen und mit fließenden Übergängen zwischen Realität, Traum und Erinnerung. Rückblenden, Bewusstseinsströme und traumartige Sequenzen verdichten sich zu einem vielschichtigen Erzählfluss, in dem weniger die äußere Handlung als vielmehr Nias innerer Zustand spürbar wird. Besonders ihre in Kursivschrift gesetzten Monologe, die an den stream of consciousness erinnern, verleihen dem Text eine beinahe hypnotische Intensität. Zwar weisen diese Passagen streckenweise pathetische und überspannte Züge auf, fügen sich jedoch stimmig in das Gesamtkonzept ein. Insgesamt entsteht der Eindruck, einem Film zu folgen, der seine Anweisungen von außen erhält.

 

Der Schlaf wird dabei zum zentralen Symbol: für Stillstand, für kollektive Erstarrung, für eine Gesellschaft, die nach Krieg und Verlust in sich selbst gefangen bleibt. Wie bei Arthur Schnitzlers Traumnovelle verwandelt Togonidze Bewusstsein, Gedanken und Empfindungen in erzählerische Räume, doch sie verlegt diesen inneren Aufruhr in ein Georgien, das von Kriegen, Übergängen und Erschütterungen gezeichnet ist. „Was in Nia bebt, bebt auch im Land“, schreibt Togonidze sinngemäß.

 

Am Ende bleibt Gabriela im Schlaf, doch Nia hat sich verändert: Sie begreift, dass nicht nur ihre Tochter, sondern „wir alle“ schlafen auf unterschiedliche Weise, in verschiedenen Tiefen. Dieses leise Erwachen ist der Hoffnungsschimmer, den der Roman hinterlässt.

 

Mit "In deinem Schlaf "gelingt Ekaterine Togonidze ein tief berührendes, poetisch komponiertes Werk über Trauma, Erinnerung und die schwierige Kunst des Weiterlebens. Für mich ein leiser Roman über Trauma, Erinnerung und das Erwachen einer Gesellschaft. 

Ein Roman, der lange nachhallt. 

 

 

Ekaterine Togonidze

In deinem Schlaf 

Aus dem Georgischen übersetzt

und mit einem Nachwort versehen

von Katja Wolters

 

Septime Verlag, Wien

erschienen 15.09.2025 

 

Arbeit zitieren

Autorin Petra Gleibs, Oktober 2025, Buchvorstellung Ekaterine Togonidze In deinem Schlaf https://www.lesenueberall.com/in-deinem-schlaf/

 

 

 

 

 

 

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