Nach dem Tod ihrer Großmutter Agneta in Hermannstadt reist Sine gemeinsam mit ihrem Vater zur Beerdigung nach Siebenbürgen. Als Kind war sie mit ihren Eltern nach Westdeutschland ausgewandert,
doch auch viele Jahre später fühlt sie sich dort nicht wirklich zugehörig. Nach zwanzig Jahren kehrt sie nun in die alte Heimat zurück und sieht vieles, als wäre es das erste
Mal.
Langsam kehren Erinnerungen zurück. Sine trifft einen alten Freund wieder und spricht mit Bekannten über das Leben ihrer Großmutter. Schritt für Schritt setzt sich für sie ein Bild der
Vergangenheit zusammen.
Halber Stein von Iris Wolff ist ein ruhiger, nachdenklicher Roman ohne große dramatische Höhepunkte. Seine besondere Stärke liegt in der atmosphärischen Sprache und in den eindrucksvollen
Beschreibungen von Landschaft und Menschen dieser Region Rumäniens. Auch die Erzählung des Pfarrers über die Geschichte der Siebenbürger Sachsen ist sehr interessant.
Die Autorin erzählt keine streng geordnete Geschichte, sondern eine bewusst bruchstückhafte. Die Vergangenheit erscheint in einzelnen Momenten, in Bildern und leisen Andeutungen und manchmal
schön, manchmal schmerzhaft. Vieles bleibt offen und unausgesprochen.
Der Roman lebt von seiner poetischen, ruhigen Sprache, von der Landschaft Siebenbürgens und von den inneren Bewegungen der Protagonistin.
Der Titel Halber Stein wirkt dabei wie ein zentrales Bild des Romans: Wie ein Mosaik aus „halben Steinen“ setzt sich die Geschichte aus Fragmenten zusammen, ohne jemals vollständig zu werden.
Erinnerungen sind nicht glatt oder abgeschlossen, sie tragen Risse. Und ähnlich verhält es sich auch mit Beziehungen: Sie sind selten vollkommen heil, aber auch nie ganz
verschwunden.
Besonders angesprochen hat mich der Roman auch persönlich. Hermannstadt erinnert mich an meine eigenen Rumänien-Erfahrungen. Ich habe die Stadt selbst in den 1980er-Jahren kennengelernt, als
vieles noch ganz anders war als heute. Diese Erinnerungen haben meine Lektüre zusätzlich vertieft.
Sines Reise nach Michelsberg fällt außerdem in eine Phase des persönlichen Umbruchs. Nach dem Studium lebt sie wieder bei ihren Eltern und sucht noch nach ihrem eigenen Weg. Der Aufenthalt im
Haus der Großmutter gibt ihr Raum zur Reflexion und hilft ihr, über ihre Zukunft nachzudenken.
Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Heimat, Erinnerung und Zugehörigkeit. Auch die Geschichte und Kultur der Siebenbürger Sachsen sowie die Erfahrungen der nach Deutschland ausgewanderten Menschen
werden sensibel und unaufdringlich in die Handlung eingebunden.
Halber Stein ist ein leiser, atmosphärischer Roman, der durch sprachliche Feinheit, emotionale Ehrlichkeit und literarische Tiefe überzeugt und noch lange nachhallt.
Iris Wolff
Halber Stein
Klett-Cotta Verlag
Erschienen: 14.02.2026
Arbeit zitieren
Autorin Petra Gleibs, März 2026, Buchvorstellung Iris Wolff, Halber Stein
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