Mit Gesetz und Frau legt der Reclam Verlag einen Kriminalklassiker neu auf, der als einer der ersten Romane mit einer weiblichen Ermittlerin gilt. Mich hat besonders überrascht, wie gut sich der Text trotz seines Alters lesen lässt. Die moderne Übersetzung trägt sicher dazu bei, aber insgesamt wirkt der Roman in vielen Punkten erstaunlich aktuell.
Allerdings braucht man stellenweise etwas Geduld. Einige Beschreibungen sind sehr ausführlich, und auch Wiederholungen kommen vor. Das kann manchmal als etwas langatmig empfunden, werden gleichzeitig versteht man aber schnell, dass dies mit der ursprünglichen Veröffentlichung als Fortsetzungsroman zusammenhängt. In diesem Kontext ergibt es sogar Sinn, dass wichtige Inhalte immer wieder aufgegriffen werden. Sehr angenehm fand ich, dass Valeria als Erzählerin selbst auf frühere Schlüsselszenen verweist und so Orientierung gibt.
Besonders begeistert hat mich die Figurenzeichnung. Valeria ist für ihre Zeit eine außergewöhnliche, fast schon revolutionäre Figur. Sie hinterfragt, denkt eigenständig und handelt aktiv und genau das macht den Roman spannend. Gleichzeitig bleibt Valeria menschlich, macht Fehler und reflektiert ihr Verhalten. Wilkie Collins stellt sie bewusst gegen die damaligen gesellschaftlichen Erwartungen und setzt immer wieder kleine, fast ironische Akzente in Bezug auf die Rolle der Frau.
Inhaltlich hat mich vor allem ein zentraler Gedanke beschäftigt: Das Gesetz spricht ein Urteil aber sagt es auch die Wahrheit?
Eustace wird zwar freigesprochen, doch das Urteil „nicht bewiesen“ lässt alles offen. Schuld kann nicht nachgewiesen werden, Unschuld aber eben auch nicht. Für mich zeigt der Roman sehr deutlich die Grenzen des Rechtssystems. Valeria gibt sich damit nicht zufrieden und sucht selbst nach der Wahrheit. Dabei stellt sich eine Frage, die auch heute noch aktuell ist: Reicht ein System aus, das nur mit Beweisen arbeitet, wenn die Wirklichkeit oft viel komplexer ist?
Ein weiteres Thema, das mir beim Lesen immer wieder aufgefallen ist, ist die täuschende Wahrnehmung. Man wird als Leser ständig auf falsche Fährten geführt, Figuren wirken verdächtig und entpuppen sich dann ganz anders. Besonders die Figur Miserrimus Dexter fand ich in dieser Hinsicht spannend, weil sich mein Eindruck von ihm im Laufe der Geschichte stark verändert hat. Der Roman macht damit sehr deutlich, wie vorsichtig man mit schnellen Urteilen sein sollte.
Der Aufbau hat mir gut gefallen. Die Ich-Erzählung wird durch Briefe, Dokumente und andere Perspektiven ergänzt, sodass man sich die Wahrheit Stück für Stück selbst erschließen muss.
Auch die Kapitelüberschriften waren sehr informativ. Zum Beispiel: Kapitel 17: Zweite Frage: Wer hat sie vergiftet? (S. 166). Wer war es wohl? Da hilft nur: weiterlesen!
Das Ende hat mich dann noch einmal positiv überrascht. Eine klassische Täterüberführung habe ich überhaupt nicht vermisst. Im Gegenteil: Mir hat gefallen, dass es hier vor allem um das Verstehen und die Aufklärung geht und weniger um Bestrafung. Dadurch wirkt der Roman am Ende fast wie eine psychologische Studie und bleibt auch nach dem Lesen noch im Kopf.
Fazit
Für mich ist Gesetz und Frau ein Roman eindeutig ein Roman seiner Zeit, gleichzeitig aber erstaunlich modern. Themen wie die Unsicherheit von Beweisen, die Grenzen des Rechtssystems und die Täuschung unserer Wahrnehmung sind heute genauso relevant wie damals. Ein Klassiker, den ich gerne gelesen habe und der zeigt, dass Wahrheit oft viel komplizierter ist, als es ein Urteil vermuten lässt.
Wilkie Collins
Gesetz und Frau
Übersetzt von Sebastian Vogel
Verlag: Reclam
Erschienen: 18.03.2026
Arbeit zitieren
Autorin Petra Gleibs, April 2026, BuchvorstellungTadhg Wilkie Collins, Gesetz und Frau
https://www.lesenueberall.com/gesetz-und-frau/
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