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Vaim, Jon Fosse

Mit Vaim legt Jon Fosse den Auftakt zu einer Trilogie, in der nicht Ereignisse, sondern Wahrnehmung und Erinnerung den erzählerischen Raum bestimmen.

 

Im Zentrum des Romans steht eine Figur, die zugleich allgegenwärtig und doch nie wirklich greifbar ist: Eline, eigentlich Josefine. Sie selbst bleibt stumm. Sichtbar wird sie ausschließlich durch Gedanken und Erinnerungen dreier Männer, aus deren Ich-Perspektiven der Text vollständig besteht. Eline erscheint weniger als Figur, sondern sie wird zur Projektionsfläche, in der sich Sehnsüchte, Ängste und Abhängigkeiten bündeln. Gerade aus dieser indirekten Präsenz bezieht Eline ihre eigentümliche Macht.

 

Die Lebensentwürfe dieser drei Männer, Jatgeir, Elias und Frank, sind brüchig und geprägt, von Verlust, Stillstand und metaphysischer Unsicherheit. Jatgeir, der Fischer, lebt im Haus seiner verstorbenen Eltern und verkörpert Fosses Poetik der Passivität in Reinform: Er erduldet das Leben, statt es zu gestalten. Elias bewegt sich in einer Welt, in der die Toten erscheinen und das Übersinnliche keine Ausnahme darstellt. Frank, Elines Ehemann, der eigentlich mit richtigen Namen Olav heisst, ist der einzige Überlebende, der rückblickend erzählt und damit Erinnerung aufleben lässt. 

 

Die Veränderung in der Gedankenwelt um Eline, die sie bei den drei Männern auslöst, ist keine aktive Beeinflussung, keine Manipulation oder Verführung. Vielmehr wirkt Eline als innerer Auslöser. Der Gedanke an sie setzt Prozesse in Gang, in denen sich Selbstbilder verschieben, Identitäten auflösen und neu formieren. Die Geschichte findet folgerichtig weniger in der äußeren Welt als in den Köpfen der Männer statt. Vergangenheit wird zur Gegenwart. 

 

Der fiktive Ort Vaim ist ein abgelegenes norwegisches Fischerdorf, das die Konzentration nach innen verstärkt. Bei Fosse ist Landschaft kein bloßer Hintergrund, sondern steht für Herkunft, Schuld, Zugehörigkeit und Einsamkeit. Die Nähe zu Lebensform und Natur erzeugt eine dichte, beinahe mythische Atmosphäre, die zugleich berührt und beunruhigt. Handlung im konventionellen Sinn bleibt untergeordnet. Entscheidend ist die Verdichtung innerer Zustände.

Ein Beispiel ist die frühe Szene, in der Jatgeir in Bjørgvin beim Einkaufen übervorteilt wird. Er kauft Nadel und Faden, um Knöpfe anzunähen, für zweihundertfünfzig Kronen. Statt sich zu empören über die zu hohe Summe, resigniert er. 

Die spätere Begegnung mit Eline auf einer Insel bringt Bewegung in Jatgeirs Leben.Eline wartet mit gepackten Koffern, um mit ihm fortzugehen, doch diese Bewegung führt zu neuer Verunsicherung. 

 

„Ich würde gerne mit dir zurück nach Vaim, sagt Eline und ich erschrecke, was sie sagt da, mit mir zurück nach Vaim, spät abends hierher zu mir auf mein Boot kommen, nachts, und dann sagen, sie will mit mir zurück nach Vaim, nein so was, so was denke ich“ (S. 51)

 

Im zweiten Teil des Romans verschiebt sich der Fokus radikal. Jatgeir ist tot  und doch nicht verschwunden. Das unaufhörliche Klopfen an Elias’ Tür wird zum zentralen Motiv. Ist es ein Gespenst? Eine Erinnerung? Eine Fortsetzung von Beziehung jenseits des Todes? Fosse zeigt hier einen eindrucksvollen Kunstgriff: Der Tod erscheint nicht als Ende, sondern als Zustand des Dazwischen. Es gibt keine klaren Grenzen mehr zwischen Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Erscheinung.

Besonders stark ist die Szene, in der es keine Spuren im Neuschnee gibt und Jatgeir dennoch plötzlich da ist. Als er „heimkommen“ muss, bleibt offen, wohin dieses Zuhause führt. Der Abschied gilt der Beziehung, nicht dem Leben selbst. In diesem schwebenden Zustand entfaltet Fosses Erzählen seine größte Kraft.

 

Formal bleibt Fosse kompromisslos. Vaim verzichtet vollständig auf Punkte und entfaltet sich als ein einziger, ununterbrochener Satz. Rhythmus, Wiederholung und Sprachfluss stehen über narrativer Klarheit. Der Text entwickelt einen hypnotischen Sog, der Geduld und Konzentration verlangt, jedoch mit einer intensiven Leseerfahrung belohnt wird. 

Vaim entfaltet seine Wirkung jenseits der Handlung. Was geschieht, geschieht nach innen: in Wahrnehmungen, Pausen, Schweigen. Der Roman wirkt dabei beinahe abstrakt, Stil und Geschichte sind unauflöslich miteinander verwoben und ergeben einen literarischen  Kunstgenuss, in dem der Stil die tragende Rolle übernimmt.

 

„Alles war wundersam“ (S. 155), sagt Olav am Ende.

Dieser Satz fasst den Roman treffend zusammen. 

 

 

 

 

Vaim

Autor: Jon Fosse

Übersetzt: Hinrich Schmidt-Henkel

Rowohlt Verlag

Erschienen 12.12.2025

 

 

 

 

 

Arbeit zitieren

Autorin Petra Gleibs, Dezember 2025, Buchvorstellung Jon Fosse,  Vaim 

https://www.lesenueberall.com/vaim-jon-vosse/

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