Tadhg Mac Dhonnagáins Roman Madame Lazare ist ein sprachlich eindrucksvolles und atmosphärisch dichtes Werk, das sich zentralen Fragen von Identität, Erinnerung und kultureller Zugehörigkeit widmet. Besonders hervorzuheben ist die Rolle der Sprache vor allem des Irischen als Minderheitensprache, die dem Roman eine besondere Tiefe verleiht und ihn thematisch klar profiliert.
Der Roman wird durch ein Glossar ergänzt, das sprachliche Besonderheiten sowie ungewohnte inhaltliche und symbolische Bedeutungen kurz erklärt.
Im Mittelpunkt steht die Figur Hana, die im Verlauf der Handlung als Muraed erscheint deren Leben von Brüchen, Verlusten und Identitätsverschiebungen geprägt ist. Die Erzählstruktur ist fragmentarisch angelegt. Erinnerungen, Perspektivwechsel und zeitliche Sprünge erzeugen ein bewusst brüchiges Gesamtbild. Diese Form spiegelt den inneren Zustand der Protagonistin wider und unterstreicht die Unsicherheit von Erinnerung und Selbstwahrnehmung.
Eine besondere Stärke des Romans liegt in seiner poetischen Sprache und der melancholischen Grundstimmung. Sprache fungiert dabei nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern als Träger von Identität und Erinnerung. Eindrucksvoll zeigt sich dies etwa in Szenen, in denen sprachliche Fragmente selbst unter Bedingungen von Demenz fortbestehen. Ergänzt wird diese Dimension durch die Rolle der Musik, die als eigenständige Ausdrucksform den Text erweitert. Wo Sprache an ihre Grenzen stößt, übernimmt Musik die Vermittlung von Emotion und Erinnerung. Bereits zu Beginn in der eindringlichen Szene eines „pechschwarzen Raums“, erfüllt von vielsprachigen Stimmen und Klang wird diese Verbindung von Klang, Identität und Wahrnehmung atmosphärisch verdichtet. Auch das wiederkehrende Motiv von Eamoinns Lieblingslied verstärkt diese musikalische Leitstruktur und verknüpft individuelle Erinnerung mit kollektiver Erfahrung. (Glossar S. 303)
Inhaltlich wirft der Roman grundlegende Fragen auf. Wie weit kann ein Mensch gehen, um der eigenen Vergangenheit zu entkommen? Die Übernahme einer fremden Identität erscheint hier nicht nur als Mittel zur Nähe zu einer anderen Person, sondern auch als Schutzmechanismus, als Versuch, Schuld, Schmerz und Verletzlichkeit auf Distanz zu halten. Die fremde Identität wird so zu einem Rückzugsraum.
Allerdings zeigt Madame Lazare auch deutliche Schwächen. Die zentrale Identitätsübernahme bleibt motivisch und psychologisch unklar. Weder die Beweggründe der Protagonistin noch die Hintergründe anderer Figuren wie etwa Samuel bzw. Wilhelm werden ausreichend nachvollziehbar gemacht. Auch die religiöse Dimension, insbesondere die Annäherung an das Judentum, bleibt oberflächlich und wird nicht tiefgehend reflektiert. Dadurch wirkt die kulturelle und religiöse Identitätsverschiebung verkürzt und teilweise wenig glaubwürdig.
Diese erzählerischen Lücken lassen sich unterschiedlich deuten. Sie können als bewusste Leerstellen verstanden werden, die die Fragmentierung von Erinnerung und Identität formal widerspiegeln. Weil vieles nicht richtig ausgearbeitet ist, wirken die Figuren und ihre Entwicklung manchmal nicht ganz überzeugend.
Insgesamt hinterlässt Madame Lazare einen ambivalenten Eindruck.
Der Roman hat mich durch seine sprachliche Gestaltung, seine dichte Atmosphäre und seine thematische Tiefe überzeugt. Gleichzeitig bleibt er in der Figurenzeichnung und erzählerischen Plausibilität hinter seinen Möglichkeiten zurück. Gerade dieser Spannungsbogen zwischen ästhetischer Stärke und inhaltlicher Unschärfe macht Madame Lazare interessant und diskussionswürdig.
Ich meine, die Stärke des Romans liegt letztlich weniger in einer stringenten Handlung als vielmehr in seiner Fähigkeit, Fragen aufzuwerfen und Denkräume zu öffnen. Trotz erzählerischer Schwächen bleibt Madame Lazare ein literarisch anregendes Werk, das mich durch seine Sprachkraft und seine Reflexion über Identität und Erinnerung nachhaltig beeindruckt hat.
Tadhg Mac Dhonnagáin
Madame Lazare
Roman (aus dem Irischen)
Übersetzt von Elvira Veselinović
Alfred Kröner Verlag, 2026
Arbeit zitieren
Autorin Petra Gleibs, April 2026, BuchvorstellungTadhg Mac Dhonnagáin
Madame Lazare. https://www.lesenueberall.com/tadhg-mac-dhonnag%C3%A1ins-roman-madame-lazare/
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