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Das Kreuz im Venn

Clara Viebig wird am 17. Juli 1860 in Trier als drittes und letztes Kind der Eheleute Ernst und Clara Viebig (geb. Langner) geboren. Ihr Vater ist der Sohn eines Posener Gutsbesitzers. Er ist zunächst preußischer Regierungsbeamter, später wird er Oberregierungsrat in Düsseldorf. Ihre Mutter stammt ebenfalls aus einer Pfarrersfamilie aus Posen. Die ersten sechs Jahre ihres Lebens verbringt sie in Trier. Als ihr Vater zum Oberregierungsrat in Düsseldorf befördert wird, zieht die Familie nach Düsseldorf. Clara Viebig besuchte dort bis 1876 die Luisenschule, die eine Ausbildung für höhere Töchter und bessere Familien ermöglicht. An diesem Ort bekommt sie schon früh Zugang zur Literatur.

Als Clara gerade einundzwanzig ist, stirbt ihr Vater ganz unerwartet. Sie zieht mit ihrer Mutter nach Berlin, da sie sich dort bessere Aussichten auf einen Broterwerb verspricht. Zunächst gibt sie Klavierstunden und beginnt in den folgenden Jahren aus finanziellen Gründen Zeitschriften kurze Erzählungen anzubieten. 1894 kann die nunmehr 34-Jährige ihr erstes Honorar als Autorin einstreichen. Drei Jahre später erscheint ihre erste eigenständige Publikation, das Schauspiel „Barbara Holzer“.

Bald schon erringt sie die Aufmerksamkeit von Theodor Fontane, der sie unterstützt. Im Verlag seines Sohnes kann sie Publikationen erfolgreich veröffentlichen. Sie lernt dort den Mitinhaber Friedrich Theodor Cohn kennen, der ihr hilft und ihr späterer Ehemann wird. Ihr literarischer Weg ist nun geöffnet, sie verzeichnet große Erfolge.  

 

Ihr Œuvre besteht aus zahlreichen Romanen, Feuilletonartikel, Novellen, Theaterstücke, Kurzgeschichten, Libretti, einigen Literaturrezensionen und einer umfangreichen Sammlung von Briefen. 

 

Ihre literarischen Werke konzentrieren sich oft auf das Leben gewöhnlicher Menschen, insbesondere auf diejenigen in ländlichen Gebieten. Die Romane von Viebig erkunden soziale Themen, menschliche Beziehungen und die Auswirkungen der Industrialisierung auf traditionelle Lebensweisen. Sie wird mit der naturalistischen literarischen Bewegung in Verbindung gebracht, die danach strebt, das Leben realistisch darzustellen. 

 

Das Etikett, eine ‚Heimatdichterin’ zu sein, hat auch dazu beigetragen, dass Clara Viebig – zu Unrecht – in Vergessenheit geraten ist. 

 

Clara Viebig stirbt am 31. Juli 1952. 

 

Der Roman "Das Kreuz im Venn" erscheint 1908 in ihrer Schaffensphase Erzählungen aus der Eifel. Die Eifel gilt in dieser Zeit als zurückgeblieben und wird als „Rheinisches Sibirien“ bezeichnet. Clara Viebig hat dazu beigetragen, dass die Eifel den Rang einer Literaturlandschaft erhielt.

Das Romangeschehen beginnt im Städtchen Monschau bei der Beerdigung des Wirtes „Zum weißen Schwan“.

 

„In die Enge der Gassen war die Sonne noch nicht hinabgedrungen. Denn tief unten im Talspalt liegt die Stadt neben den Fluß gequetscht, ein Haufe altersgedunkelter Schieferdächer. Finster blickt ein verfallener Wachtturm auf Kirche und Apotheke am Markt nieder. Und von der anderen Seite am jenseitigen Berghang schaut die alte Burg herunter in den Alltag der Bürgerhäuser und der klingenden Ladentürchen, der rauchenden Fabrikschlöte und der gellenden Dampfpfeife, des gemütlichen Schwatzens der Skatbrüder beim Schoppen, des Weibergeträtsches und des Sporenklirrens der Herren vom Schießplatz, die ihre freie Zeit benützen zu einer Flasche Sekt und einem guten Diner bei der schönen Helene im »Weißen Schwan«.“ (S. 5)

 

Hier trifft sich der reiche Fabrikbesitzer samt seiner Familie mit seinen bürgerlichen Freunden im Gasthof. Geleitet wird der Gasthof von der attraktiven und offenherzigen Witwe Helene. Auch für die Offiziere vom nahen Truppenübungsplatz ist es ein Ort, an dem sie sich gerne treffen. Die Bauern in dem nahe gelegenen Heckenbroich sind mit ihrer Arbeit voll beschäftigt, um den jahreszeitlichen Rhythmus der Natur einzuhalten. Bestimmt wird ihr Leben durch strenge religiöse Vorstellungen. Eine große Rolle in dem Roman spielt ein Gefangenenlager -das „Haus mit dem roten Ziegeldach“. 

In der Nähe hoch oben im Moor befindet sich die Strafkolonie mit 40 Sträflingen, die helfen sollen, das Land urbar zu machen. Sie leben dort ausgegrenzt und unter dem strengen Aufseher führen sie ein hartes und karges Leben.

 

„Im Städtchen wurde auf jeder Kaffeevisite und abends am Stammtisch, von Männern und Frauen mit gleichem Interesse, die Strafkolonie bei Heckenbroich besprochen.“ (S. 38)

 

„Das Kreuz im Venn“ besteht aus mehreren Handlungssträngen. Eine einzige Hauptperson gibt es in dem Vennroman nicht. Das Hauptelement ist das Venn an sich.

 

„Wie immer versank die Sonne flammend im roten Venn, der Himmel glühte bis zum fernsten Streifen mit Rosen- und Goldgewinden. Purpurne Dämmerung sank nieder auf Heckenbroich.“ (S. 239)

 

Carla Viebig beschreibt das Venn in vielen Facetten. Es fungiert als Bühne für ihre Darsteller. 

 

„Der Bürgermeister von Heckenbroich blieb stehen und ließ seine Augen mit Wohlgefallen schweifen. Wie schön war dieses Land, diese mißachtete Eifel!“ (S. 15)

 

Der Roman thematisiert die harten Lebensbedingungen, die sozialen Hierarchien und die Konflikte zwischen Tradition und Fortschritt in einer ländlichen Gemeinschaft. Mit ihrem naturalistischen Schreibstil, der sich durch genaue Beobachtungen, realistische Darstellungen und eine kritische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Strukturen auszeichnet, reflektiert Clara Viebig die Zeit und die Veränderungen, die sich in der Gesellschaft und in ländlichen Gebieten vollziehen. Insbesondere zeichnen die authentischen Dialoge ihrer Figuren ein lebhaftes Bild der damaligen Zeit. 

 

„»No, Bärb«, sagte Leykuhlen, »wo köst du dann här? Jehst du dann net mehr no`r Fabrik?« Die schwarzen Augen blickten nur rasch von der Seite. »Dag zusammen«, sagte das Mädchen atemlos. »Wat löffst du dann edu der Berg erop?« Der Bürgermeister hielt sie an. »Willste dir de Lunge us 'm Hals renne?«“ (S. 21 f.)

 

Ihre genau genauen Beobachtungen und realistischen Beschreibungen, die detaillierte Schilderung der Umgebung, der Natur und der Charaktere stellen das authentische Leben eindrucksvoll im Venn dar. Hinzukommen ihre sozialen Themen wie soziale Konflikte, Klassenunterschiede und Einfluss des Fortschritts, die das ländliche Leben beeinflussen.

 

Fazit

Clara Viebig gehörte zur ersten Schriftstellerin der Moderne und war zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine der erfolgreichsten und meistgelesenen Autorinnen ihrer Zeit das Etikett, eine ‚Heimatdichterin’ zu sein, hat auch dazu beigetragen, dass Clara Viebig – zu Unrecht – in Vergessenheit geraten ist. Doch mittlerweile werden ihre Romane wieder gelesen, und die literarische Forschung beschäftigt sich zunehmend mit ihren Werken. 

 

Der Roman „Das Kreuz Venn“ gibt einen kleinen Einblick in ihr Schaffen. Er steht als beispielhafter Text in der Kategorie „Natur".

 

Es lohnt den Roman zu lesen, denn man merkt schnell, dass die Autorin sich nichts ausdenkt, sondern vieles nachvollziehbar ist: so könnte es gewesen sein. Ein Stück Zeitgeschehen wird offengelegt. Auch wenn „Das Kreuz im Venn“ zwar  titelgebend ist, aber es erscheint nicht als roter Faden im Roman. Es steht als Symbol für Konflikte, mit denen die Charaktere konfrontiert werden, sowie metaphorische oder spirituelle Bedeutungen, die im Verlauf der Handlung enthüllt werden. 

 

Übrigens, kann man das Kreuz tatsächlich besichtigen:

„Als einziger Konglomeratfelsen im Monschauer Land liegt am Rande des Hohen Venn der gewaltige, 80 Meter lange Felsen der Richelsley. Ihn krönt das 1890 zu Ehren des Priors Stephan Horrichem, des Apostels vom Hohen Venn, errichtete Kreuz. Der Prior des Prämonstratenserklosters Reichenstein war unermüdlich in seiner Hilfsbereitschaft für die bedrängten Menschen am Venn während des 30 jährigen Krieges. Die Eifeldichterin Clara Viebig hat mit ihrem naturalistischen Roman "das Kreuz im Venn" berühmt gemacht. Das 6 m hohe Eisenkreuz steht auf einem 12 Meter hohen Konglomeratfelsen. Der Sage nach wollte der Teufel mit dem gewaltigen Gesteinsblock die kaiserliche Pfalz in Aachen zerstören. Aus Müdigkeit hat er ihn jedoch vorher fallen gelassen. In Wirklichkeit ist der Stein wohl durch vulkanisches Wirken dorthin gekommen.“

Quelle: https://www.eifel.info/a-kreuz-im-venn

 

 

 

 

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