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Herzfaden

Autor

Thomas Hettche 

 

 

 

Inhalt

Ein namenloses Mädchen besucht mit seinem Vater eine Vorstellung der Augsburger Puppenkiste. Aber es ist alles andere als erfreut darüber. Es war wütend, weil es dachte, dass es zu alt für ein Puppentheater wäre. „Puppentheater war Kinderkram.“ (S.8) Nach der Vorstellung lief es weinend aus dem Foyer des Theaters an einen Ort des großen Raumes, wo sein Vater es nicht sehen konnte. Das Mädchen wollte seine Tränen ihm nicht zeigen. Es gelangt auf der Flucht vor seinem Vater an eine Holztür, die es neugierig öffnet. Unverhofft betritt es eine magische Parallelwelt. Im Lichtschein des Mondes erscheinen plötzlich Marionetten, die „eben noch an den hohen Gestellen an den Seiten des Raums gehangen haben, sich von den Fäden befreiten und auf den Boden herabkletterten“ (S.12) Es erkennt Jim Knopf, Frau Holle, den Polizisten Dimpfelmoser, Räuber Hotzenplotz und noch viele mehr. Und dann taucht wie aus dem Nichts eine Frau auf. Das Mädchen erkennt sie nicht. Die Frau stellt sich vor und sagt, sie sei Hatü. 

 

„»Hatü«, wiederholte das Mädchen. »Ich finde, das ist ein schöner Name.«“ (S.13)

 

Hatü beginnt die Geschichte von der Augsburger Puppenkiste zu erzählen. 

 

Eine Geschichte in der Geschichte

Thomas Hettche lässt seine Geschichte Herzfaden auf zwei Ebenen stattfinden. Er nutzt eine Rahmenhandlung und eine Binnenhandlung. In der Rahmenhandlung wird die Welt des Mädchens erzählt, das auf seiner Flucht vor seinem Vater hinter einer verborgenen Tür des Theaters die magische Welt der Augsburger Puppenkiste entdeckt. Es trifft auf bekannte Marionetten und lernt Hatü kennen. 

 

„»Seltsam, dass du mich gefunden hast«, sagte Hatü» nachdenklich.» Das ist ein sehr altes Haus, voller geheimer Türen und Treppen, im Mittelalter aus dicken Mauern errichtet und mit Gängen, von denen keiner mehr weiß, wozu sie einmal dienten, Noch nie ist jemand zu mir hier heraufgekommen. Aber dafür muss man ja auch schrumpfen.«“ (S.16)

In der Binnenhandlung erzählt Hatü die Geschichte der Augsburger Puppenkiste. Sie erzählt die Geschichte des Theaters und ihre eigene Vergangenheit, von ihrem Vater Walter Oehmichen, der einst die Marionetten schnitzte und das Puppentheater zu einer landesweit bekannten Institution machte.

 

Obwohl Hettche in seinem Roman Herzfaden den Zweiten Weltkrieg, Vertreibung, Judenhass und Opportunismus, den schweren Aufbruch nach der bedingungslosen Kapitulation mit aufnimmt, bleibt Thomas Hettches Erzählung eine Zeitgeschichte in leisen Tönen. Im Vordergrund steht die Familie Oehmichen und Hatü. Er zeichnet ein Porträt von Hannelore Marshall-Oehmichen, genannt Hatü, was zugleich einem autobiografischen und fiktionalen Charakter entspricht.

Der Krieg ist die Geburtsstunde, der Beginn der Augsburger Puppenkiste. 

 

„Dann gibt es eine Explosion in allernächster Nähe, alle schreien, die Glühbirne flackert ein paarmal in ihrem Drahtkäfig und verlöscht. Doch bevor es im Keller dunkel wird, sieht Hatü jeden einzelnen Stein der Wände erzittern und wie der Putz von der Decke herabrieselt. Der Staub hüllt sie im Dunkeln ein, sie spürt ihn auf den Lippen, in den Augen, hält sich ihre Jacke vor den Mund und muss doch husten. Das Einzige, was sie noch hört, ist das Fiepen in ihren tauben Ohren. Der Betonboden vibriert unter den Explosionen, die ihn jetzt ohne Pause erschüttern, aber nur dumpf zu ihr durchdringen. Und irgendwann hört sie, wie von fern, die Stimme der Schwester nah an ihrem Ohr. »Hänsel und Gretel«, singt Ulla leise, »verirrten sich im Wald.«“ (S.88)

 

Sprache und Stil

Die Erzählebenen werden durch zwei verschiedene Textfarben unterschieden. Die Rückblenden der Vergangenheit Hatüs werden in Blau gekennzeichnet und bilden den umfangreichen historischen Rahmen der Familie Oehmichen.

Die rote Schrift zeigt die Gegenwart des namenlosen Mädchens auf der anderen Erzählebene.

Der zweifarbige Druck ist nicht nur eine optische Unterscheidung der beiden Handlungsstränge und zufällig von Hettche gewählt, sondern wird in der Erzählung aufgenommen. Walter Oehmichen erklärt seinen Töchtern, dass Rot die Farbe der Menschen und des Lebens ist, die Farbe der Marionetten sei dagegen Blau, denn sie haben kein Blut. In Hettches Roman wird darüber hinaus die Farbe Rot als eine bizarre Zwischenwelt dargestellt, in der Menschen und Marionetten gleichgestellt sind.

Hettche nimmt mit dieser optischen Teilung Bezug auf Michael Ende, dem Autor von „Jim Knopf“, der ebenso in seinem Roman Herzfaden einen kurzen Auftritt hat. Auch Michael Ende hat in seinen Roman „Eine unendliche Geschichte“ beide Handlungsebenen farblich mit rot und grün abgegrenzt.

 

Sprachlich setzt der Autor die Vergangenheit von Hatü ins Präsens, wodurch ein aktives Verfolgen der Geschehnisse entsteht. 

 

„Der Mond steht tief und voll über ihnen. Jenseits der Elbe zeichnen sich die Kräne vom Nachthimmel ab, im schwarzen Wasser ein halb gesunkenes Wrack, dessen Aufbauten bleich im Mondlicht über die Wellen ragen.“ (S. 239)

 

Der zweite Handlungsstrang, die Geschichte des Mädchens, wird im Präteritum erzählt und bekommt dadurch einen distanzierten Erzählverlauf.

 

"Guten Tag, Mädchen", sagte die Marionette und nickte mit ihrem hölzernen Kopf. "Hab keine Angst. Ich bin die Prinzessin Li Si." (S.11)

 

Matthias Beckmanns Zeichnungen von Augsburger Puppenkisten-Figuren, ebenfalls in Blau gehalten, runden den Roman ab.

 

Fazit

Thomas Hettche lässt die Gründungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste lebendig werden. Er verknüpft geschickt historische Fakten mit Fiktion. So entsteht ein nostalgischer Einblick in die Entstehungsgeschichte mit einem besonderen Blick auf die Menschen, die die Marionetten erschafft und sie zum Leben erweckt haben. 

 

"Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird von ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht." (S.64)

 

 

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