· 

Der Buchspazierer

Autor

Carsten Henn, geboren 1973 in Köln, arbeitet als Schriftsteller, Weinjournalist und Restaurantkritiker. Er ist Chefredakteur des Weinmagazins Vinum. In St. Aldegund an der Mosel besitzt er einen Steilstweinberg mit alten Rieslingreben, den er selbst bewirtschaftet. Wenn er einmal nicht seiner Leidenschaft fürs Kochen nachgeht, ist er auf der Suche nach neuen Gaumenfreuden.

Quelle: Piper Verlag GmbH, 80799 München. 

 

Inhalt

Im Zentrum der Handlung steht die alte Buchhandlung am Stadttor, deren Alter man sehr gut ansehen kann. Sie wurde über mehrere Epochen errichtet und nun steht das alte Mauerwerk mit Schnörkeln und Gipsstuck zwischen Alt und Neu.

Hauptperson ist Carl Kollhoff ein langjähriger Fachhändler für Bücher, der sich nun im Ruhestand befindet. Doch seine Leidenschaft für Bücher ist dadurch nicht erloschen. 

Jeden Abend holt Carl die Bücher ab, die seine Stammkunden bestellt haben und bringt sie ihnen gut verpackt nach Hause. Er ist der Buchspazierer, der denen Literatur bringt, die ihre Häuser nicht verlassen oder nicht verlassen können: der Nonne, die nicht aus ihrem Kloster ausziehen möchte als Letzte des Ordens, der unglücklichen Ehefrau, der ehemaligen Lehrerin und dem, dem die Welt zu viel ist.

Er ist mit dieser Aufgabe sehr zufrieden – und bangt um ihre Fortführung. Denn der ehemalige Besitzer der Buchhandlung ist alt. Seine Tochter hat das Geschäft übernommen und möchte modernere Methoden einführen. In dieses Szenario hinein platzt ein kleines Mädchen, das neugierig die Nase in Carls Leben steckt und ihm nicht mehr von der Seite weicht.

Doch dann passiert etwas Furchtbares und nicht nur Carl zweifelt an seinem Platz in der Welt.

 

Personen

Die Hauptprotagonisten wachsen dem Leser mit ihren glaubwürdigen Ecken und Kanten sofort ans Herz, denn sie wirken wie aus dem Leben gegriffen.

Alle Figuren, die im Buch vorkommen, sind auf ihre eigene Art liebenswert. Gut, nicht alle, wer es liest, wird mir beipflichten. Doch die Hauptpersonen sind es, allen voran natürlich Carl Kollhoff und Schascha. Das Hin und Her, die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen dem alten eher zurückhaltenden Mann und dem kleinen vorlauten Mädchen ist wirklich schön gestaltet und liest sich hervorragend. Der Leser geht mit den beiden Buchspazierern auf die abendliche Runde und lernt nach und nach auch die anderen Akteure kennen. Genau wie Schascha, die viel mehr versteht, was die Menschen zwischen den Zeilen sagen, als Carl lieb ist, möchte der Leser ihnen zum Glück verhelfen.

 

Carl Kollhoff

Hauptperson ist der langjährige, inzwischen im Ruhestand lebende Fachhändler Kollhoff – ein Buchhändler aus vergangener Zeit. Carl Kollhoff arbeitet schon lange in einer Buchhandlung in der Nähe des Münsterplatzes. Er versteht seine Aufgabe darin, das richtige Buch zum richtigen Menschen zu bringen. Er sucht für einige Stammkunden Bücher aus und bringt sie zu ihnen nach Hause. Aus diesem Grund wird er auch der Buchspazierer genannt. 

Kollhoffs einstiger Chef und Freund lebt im Seniorenheim. Die Eigentümerin der

Buchhandlung ist die Tochter. Doch diese will ihn loswerden, weil die Buchhandlung umstrukturiert werden soll. Carl ist für sie ein Überbleibsel aus der Vergangenheit.

„Carl sah keine Nachrichten, hörte kein Radio, las keine Zeitung. Er war der Welt, wie er sich manchmal eingestand, abhandengekommen. Es war eine bewusste Entscheidung gewesen, als ihn all die Berichte über unfähige Staatenlenker, das Schmelzen der Polkappen und das Leid der Vertriebenen trauriger gemacht hatten als das tragische Familiendrama in Buchform. Es war Selbstschutz gewesen, auch wenn seine Welt seitdem viel kleiner geworden war. Sie maß nur noch gut zwei mal zwei Kilometer...“ (S. 12) 

 

Carl ist bei seiner Stammkundschaft beliebt. 

 

„Er weiß immer, was mir gefällt. Er weiß immer, was allen gefällt.“ (S. 8) 

 

Trotzdem wird der altgediente Buchhändler von der Tochter seien ehemaligen Chefs nur noch geduldet. Er darf langjährigen Stammkunden die bestellten Bücher ins Haus bringen. 

 

In seinem „olivgrünen Bundeswehrrucksack, der von den Jahren gezeichnete war, doch dank Carls Sorgsamkeit und Liebe in sehr guter Verfassung,“ (S. 15) verstaut er sorgfältig die in braunem Packpapier mit einer Kordel eingewickelten Bücher.

 

Schascha

Im weiteren Verlauf der Handlung lernen wir die neunjährige, sehr aufgeweckte Charlotte kennen, die sich dem Buchspazierer als Schascha vorstellt.

Schascha ist eine kleine, rotzfreche Göre. Sie ist neugierig, schaut in die Herzen der Menschen und hat wie jedes Kind einen offenen, unverstellten Blick auf die Welt. Sie erkennt schnell, was Carls Buchliebhabern eigentlich fehlt. Sie begleitet den Buchspazierer zu seinen Kunden. 

Schascha findet heraus, dass es den einsamen Menschen gar nicht um die Bücher geht, sondern darum, von jemandem besucht zu werden, der sich zudem Gedanken über geeigneten Lesestoff für sie persönlich gemacht hat.

Schascha mit Carl Kollhoffs Auswahl der Bücher nicht zufrieden. 

Durch Schaschas aufgeweckte Art kommen sie dahinter, dass der eine oder andere Stammkunde ein Geheimnis verbirgt. Carl Kollhoff weiß, dass Bücher durchaus eine Wirkung erzielen können. Daher nimmt er den Ratschlag von Schascha an und sie versuchen das Gegenteil von dem, was Kollhoff bislang gemacht hat. Er bringt fortan keine Bücher mehr mit, die den Status quo bestätigen, sondern Lesestoff, der hilft, sich der Lebenssituation bewusst zu werden und sie möglicherweise zu verbessern.

 

Literarische Personen

Carl Kollhoff sieht die Bürger in seiner Stadt aus Sicht der Literatur. Die Namen seiner Kunden werden von ihm durch bekannte Romanfiguren charakterisiert. 

Der Grund liegt darin, dass er sich keine Namen merken kann. In Verbindung mit Figuren aus Romanen prägt er sich die realen Namen ein.

 

Christian von Hohenesch lebt in einer großen Villa. Und gehört zu den reichsten Bürgern der Stadt. Er ist immer sehr gut gekleidet, stets in einem dunkelblauen Zweireiher mit einer frischen Orchideenblüte im Revers. Besonders wert legte er auf Pünktlichkeit. (S. 51)

 

Die Nonne aus dem Kloster der Benediktinerinnen bekam den Namen des frommen Mönchs aus Hermann Hesses Erzählung Narziss und Goldmund, wobei er den botanischen Überbegriff wählte und sie Amaryllis nennt. (S. 51)

 

Die Grundschullehrerin Dorothea Hildesheim, die gerne verschiedenfarbige Socken trägt und witzige Sprachspiele mit ihm macht, nennt er Frau Langstrumpf. (S. 27)

 

Mike Troffer, der Bodybuilder, genannt Herkules. (S. 71)

 

Frau Andrea Cremen genannt Effi, ihr Mann schlägt sie. Doch sie versucht es geheim zu halten. (S. 26)

 

Ein emeritierter Professor, der in Wirklichkeit aber ein Schaffner gewesen war, erhielt den Namen Doktor Faustus. Er las historische Abhandlungen, „um die in vielen Punkten in möglichst vielen Briefen an die Autoren oder Universitäten zu widerlegen.“ (S. 53)

 

Ein junger Mann, genannt der Vorleser, will einen Roman schreiben. (S. 30)

 

Carl selbst nennt sich E.T.A. Hoffmann. „Auf Carls Klingelschild stand E.T.A. Kollhoff.“

Er meinte, dass drei Initialen was ganz besonders seien.“ (S. 31) "Es gab nur noch zwei weitere: „J.R.R. Tolkien, in der Musik C.P.E. Bach.“ (S. 31) 

 

Sprache und Stil

 

"Wer nicht an Magie glaubt, wird sie niemals entdecken." (Roald Dahl)

 

„Der Buchspazierer“ ist eine warmherzige, fast poetische Geschichte über den Zauber der Literatur. Mit viel Liebe zum Detail zeichnet Carsten Sebastian Henn seine Buchcharaktere. Beim Lesen spürt man förmlich viel Spaß, die der Autor beim Schreiben dieses Buchs gehabt haben muss. 

Die Beschreibungen sind bildhaft und lassen die Handlung wie in einem Film ablaufen. Die Sprache erscheint märchenhaft wunderschön und zieht den Leser magisch in den Bann.

Wortkreation wie „Honigbienenmatador“ oder „Flötentrötenhandwerkskunst“ werden ergänzt mit bildlichen Ausdrücken z. B. „mit dem Herzen weinen“.

Einen Kater, der ihn immer begleitet, heißt "Hund", weil er bellende Geräusche von sich gibt. 

 

Der flüssige, bildhafte und poetische Erzählstil schleicht sich schon mit den ersten Worten ins Leserherz und lässt ihn an die Seite von Carl treten, ihn bei seinen täglichen Runden zu begleiten und neben ihm und Schascha auch seine Kunden kennenzulernen, um dabei überrascht festzustellen, dass man selbst auch einer von ihnen sein könnte. 

 

Die Hauptfiguren Carl und Schascha bekommen ihre Konturen durch den Dialog. Auf der einen Seite Carl, der auf dem Weg zu seinen Stammkunden immer den gleichen Weg nimmt und so einen komplett geregelten Tagesablauf hat. Auf der anderen Seite Sascha, die mit ihrer kindlichen Naivität und Weltanschauung frischen Wind in sein Leben bringt und damit seine Alltagsroutine durcheinanderwirbelt.

 

Schascha begleitet ihn auf seinen Touren und löchert ihn ganz unbefangen mit Fragen. Ihre Lebendigkeit, ihre Offenheit und ihr kindlicher Optimismus tun ihm gut. Ihre Wissbegierde und kindliche Neugier bringen ihn dazu über sich und die Menschen, die er beliefert, nachzudenken.

 

Beiläufig charakterisiert der Autor auch uns Leser. Er nutzt Formulierungen und Sätze wie:„Hasen, Kiebitze oder Schildkröten“ mit denen er die Leserschaft vergleicht und charakterisiert.

Der Kiebitz, der immer erst das Ende eines Romans kennen muss, bevor er vorn zu lesen beginnt, oder der Schildkröten-Typ, der allabendlich vor Müdigkeit nicht über ein Kapitel hinauskommt und dieses am nächsten Abend nochmals liest, weil er das Gelesene schon wieder vergessen hat.

Der Roman spricht einige wichtige gesellschaftskritische Punkte an:

 

  • Häusliche Gewalt
  • Analphabetismus
  • Altersarmut und -einsamkeit 
  • Den schwierigen wirtschaftlichen Stand von lokalen Buchhandlungen

 

Die Themen sind verpackt in persönliche Schicksale, Freundschaften, Einsamkeit sowie den Verlust von etwas, für das man lebt. 

 

Fazit

„Der Buchspazierer“ strahlt eine ruhige Handlung aus fern jeglicher Hektik. Die Geschichte erzählt, wie mit Herzenswärme und Nächstenliebe einsamen Menschen eine Freude gemacht werden kann und darüber hinaus Freundschaften entstehen. 

Wer sich einfach zurücklehnen, träumen und wohlfühlen möchte, kann seine Seele mit dem „Buchspazierer“ baumeln lassen in einer heiter-melancholischen Geschichte.

 

 

 

 

Der Buchspazierer

Carsten Henn 

Pendo (Piper Verlag); 15. Edition (2. November 2020)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0