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Die dritte Quelle

Autor

Werner Köhler 

 

Inhalt

Vor dem Hintergrund der Galapagos-Affäre, die sich zwischen März und November 1934 ereignete, lässt Werner Köhler seinen Roman auf der kleinen Insel Floreana der Galapagos-Inselgruppe. spielen.

Am 31. August 1999 geht der hoch aufgeschossene Deutsche, Harald Steen aus Hamburg, im ecuadorianischen Guayaquil an Bord der „Virgen de Montserrate“. Sein Ziel ist Isla Santa Maria, „wie die Einheimischen Floreana nannten.“ (S. 43)

Was damals auf der Insel geschah, ist bis heute nicht gänzlich aufgeklärt. Doch noch immer lockt das Leben auf der Inselgruppe mit seiner wilden, einzigartigen Pflanzen- und faszinierenden Tierwelt Besucher und auch Aussteiger an.

Harald Steen ist Frührentner und auf der Suche nach seiner Vergangenheit. Er sucht nach Spuren seiner rätselhaften Familiengeschichte, die mit der Galapagosinsel in Verbindung steht.

Doch seine Suche auf der Insel wird zunehmend komplizierter, als er es sich vorgestellt hat. Einerseits verfällt er dem Charme der Insel, anderseits hat er mit dem Mißtrauen der Inselbewohner zu kämpfen. Es scheint, als verirre er sich in ein Labyrinth mystischer Umgebung, in der es für ihn kein Entrinnen gibt. 

Stil und Sprache

Der Beginn des Romans ist vielversprechend. Der Leser befindet sich nicht auf einem Kreuzfahrtschiff mit jeglichen Luxus, sondern auf ein Containerschiff. 

 

„Die Tage auf der MS Paita, einem Containerschiff unter panamaischer Flagge, taumelten in erschöpfender Monotonie der Dämmerung entgegen.“ (S. 7)

 

Hautnah bekommen die Passagiere das eintönige Leben auf dem Schiff mit. „Nur die Sonnenauf- und Untergänge“ bringen Abwechslung. Schon bei dieser Beschreibung kommen Abenteuergefühle auf. Einige Seiten weiter hören wir Mahlers Fünfte.

 

„Mahlers Fünfte geriet zu einem berauschenden Erlebnis. Die Musik entführte Steen in eine andere Welt, absorbierte ihn vollkommen.“ (S. 31)

 

Was für ein Auftakt!

 

Musik im Urwald ist keine neue Erfindung in der Literaturwelt. Erinnerungen an den Film „Fitzcarraldo“ (1982) von Werner Herzog werden damit in Verbindung gebracht. Im weiteren Verlauf des Romans erscheint der Protagonist auch äusserlich wie aus dem Film entsprungen. Steen trägt einen weißen Anzug in den Tropen. Sein Verhalten erweist sich als „Eigenbrötler, Einzelgänger“, auch wenn er nicht mitten in der Wildnis ein eigenes Opernhaus errichten will.

 

„[…] Ein Wahnsinniger, der ein Opernhaus im Dschungel bauen wollte und mal eben ein Schiff über die Hügel im Regenwald schleppen läßt.“ (S. 271)

 

Steen hatte schon als Kind gewusst, dass er einmal auf die Suche nach seiner Vergangenheit gehen wird. „Sein Interesse an der eigenen Vergangenheit wurde zur Obsession.“ (vgl. S.229)

Das Leben auf der Insel wird für Steen nicht einfach. Er stellt viele Fragen, die nicht immer gerne von den Inselbewohnern beantwortet werden, weil sie die Vergangenheit aufwühlen.

Er dringt in die Wildnis der Insel ein und gerät immer mehr an seine Grenzen. Begleitet wird er von einem ihm zugelaufenen Hund, den er „Herr Hund“ nennt.

Köhler bedient sich eines weiteren Stilmittels, welches an Robinson Crusoe erinnert. Er hatte Freitag zum Reden, auch wenn dieser ihn zunächst nicht verstand, nun ist es "Herr Hund". 

Geschickt hat Köhler den Hund in der Erzählung eingebunden, denn durch ihn erfahren wir sehr viel über Steens innere Seelenverfassung. Später teilt er der Inselbewohnerin Mayra seine inneren Eindrücke und Gedanken mit.

Ein weiterer Schachzug, damit ein wichtiger Teil der Geschichte, ist der Tanz. 

 

„Er gab sich ganz der Musik hin“ (S. 233)

 

Es ist, als ob er wie im Trance tanzt. Er sucht einen sicheren Ort und den findet er während des Tanzes symbolisiert durch seine geschlossenen Augen in seinen „Träumen“. Er lässt sich auf seine eigene Gefühlswelt ein, nur auf sich bezogen, sich einfach nur gehen lassen“. Alles wird leichter. Das zeigt, wie sehr er in sich selbst verstrickt ist, er verleiht seinen unterdrückten Gefühlen Ausdruck. Denn als die Musik zu Ende ist, „schämt“ er sich und will in seine „Höhle“ zurück. Die Höhle, die für ihn die Sicherheit bedeutet.

 

Mit diesen Stilmitteln bekommt der Protagonist Steen Kontur, die zwischen ängstlich, naiv,

linkisch, unsicher und aggressiv erscheint. Im Gegensatz werden seine Aktivitäten, sein humorvolles Wesen, sein Gefühl für Musik und auch seine Verletzlichkeit herausgestellt.

Sein ambivalenter Charakter passt zu seiner Suche nach seiner Herkunft, die gleichzeitig, eine innere Zerrissenheit zeigt, was besonders deutlich hervortritt bei seinem emotionalen Ausbruch am Grab von Friedrich Ritter. (S. 180)

Fitzcarraldo war besessen davon, Berge zu versetzen. Harald Steen ist besessen, seine Vergangenheit aufzuspüren. Er stürzt sich in ein Abenteuer, wobei Illusion und Wirklichkeit sich vermischen und dicht beieinander liegen.

Als er Mayra kennenlernt, beginnt er zu ahnen, was Glück bedeutet. 

 

Der Schluss bleibt vage. Es hat den Anschein, als würde er in der Ferne sich selbst sehen. Er weiß, dass er endlich angekommen ist, sich selbst gefunden hat. Sein altes Leben hinter ihm verblasst. Am Ende wirkt Steen sanft und heiter, als ob er die Vergangenheit bewältigt hat.

 

Der Roman ist in vier Teile gegliedert:

Die Reise

Die Insel

Mayra

Die dritte Quelle

 

Wir erleben den Abenteuerroman aus der personalen Erzählperspektive. Zusätzlich verzichtet der Autor bei wörtlicher Rede auf Anführungszeichen. Die fehlenden Anführungszeichen erzeugen einen nahtlosen Übergang zwischen gesprochenem und gedachten Textteil und verdeutlichen im Rahmen der ganzen Geschichte einen komplexen Text ohne Unterbrechung. 

Die Sprache besticht durch einen parataktischen Aufbau, von einer klaren, einfachen und direkten Sprache. Dadurch liest sich der Roman leicht und reibungslos und trotzdem spannend. Die beiden Erzählstränge, aktuelle Ereignisse und die ungelöste Galapagos-Affäre, werden gut zusammengeführt. Dazu lockern die Naturbeschreibungen den Text auf. 

Das Cover zeigt eine Insel im Meer, von leichtem Nebel umhüllt.

 

Fazit

Vor dem Hintergrund der Galapagos-Affäre hat Köhler einen modernen Abenteuerroman geschrieben, der das Thema Auswandern behandelt.

Steen besucht eine Oper im Urwald, wie bei „Fitzcarraldo“. Er tanzt wie im Trance. Er rettet einen Menschen vor Haien. Ähnlich wie bei der Galapagos Affäre die Vermutung besteht, „die Galapagos-Baronin und ihr Geliebter Phillipson sind vollständig verschwunden ohne Spur“, wahrscheinlich durch Haie angegriffen, da gab es keine Rettung mehr.

Der Autor greift auf bekannte Romane zurück, wie zum Beispiel Robinson Crusoe, der Freitag als Gesprächspartner hat. Steen hat „Herr Hund“. 

Mich hat der Roman in den Bann gezogen, gerade vor dem Hintergrund der Galapagos-Affäre.

Ein moderner Abenteuerroman mit unvorhersehbaren Wendungen.

 

Ein groteskes, ein verrücktes, ein wunderbares Schlussbild: 

 

„Er blickte über die Schulter in die Richtung, aus der sie kamen. Niemand war hinter ihnen. Sie waren noch immer mutterseelenallein. Der Mann meinte ihn, kein Zweifel.“ (S. 426)

 

 

 Nachtrag:

„Zwischendurch las er ein wenig Nietzsche und fiel darüber in Schlaf.“ (S. 11) 

Was hat Nietzsche mit „Die dritte Quelle“ zu tun?

 

Eine Frage, die ich zunächst nicht beantworten konnte, da ich die Schriften von Nietzsche nur sehr wenig kenne. Doch die Frage wollte ich gerne beantworte haben und habe daher den Autor Werner Köhler angeschrieben. Seine Antwort war beeindruckend und absolut nachvollziehbar.

 

Seine Antwort:

„Im Wesentlichen besteht Nietzsches Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“ aus drei Lehren: Der Übermensch/Der Wille zur Macht/Ewige Wiederkunft. Auf letztere, die Kernlehre, beziehe ich mich im Buch, die Kernbotschaft steckt auch im Gedicht, das Steen auf der letzten Seite rezitiert (Titel: Zarathustras Rundgesang). 

Nietzsche meint (wohlgemerkt: Nietzsche, nicht ich), dass die Wiederkunft die höchstmögliche Steigerung der Lebensbejahung sei. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, keinen Gott aber auch keinen Urknall. Jede Lebenslinie krümmt sich, bis zur vollkommenen Rundung. Das bedeutet, alles, Schmerz und Leid, Freude und Lust, passieren immer und immer wieder. Immer zur selben Zeit, immer unverändert.

Friedrich Ritter sah sich selbst als Philosophen, sein Vorbild war eben dieser Nietzsche. Und weil das so war, nimmt auch Steen den Nietzsche mit auf die Insel (im Buch finden sich ja noch andere Zitate von F.N.). Ich finde, dass eine gewisse Spannung darin liegt, dass Nietzsches Gedanken zur Wiederkunft auf Steens Idee treffen, alles genauso wie seine Vorfahren zu machen und zwar exakt so.“

 

Vielen Dank Herr Köhler

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Dritte Quelle

Werner Köhler

Abenteueroman 

Verlag Kiepenheuer&Witsch, 2022

 

 

 

Arbeit zitieren

Autorin Petra Gleibs, März 2022, Buchvorstellung Werner Köhler, Die dritte Quelle, https://www.lesenueberall.com/2022/02/27/die-dritte-quelle/

 

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