· 

Mädchen, Frauen, etc

Autor

Bernardine Evaristo wurde 1959 in London geboren. Ihr Vater stammt aus Nigeria, ihre Mutter ist Engländerin. 

2019 bekam sie als erste schwarze Schriftstellerin den Booker Prize für ihren Roman „Mädchen, Frauen, etc.“. 

 

Inhalt 

Zwölf Frauen stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Sie haben alle eine Gemeinsamkeit: Ihre Hautfarbe ist nicht Weiß, sondern von hellem Braun bis hin zu tiefem Schwarz. Sie kamen aus der ganzen Welt und leben nun in oder in der Nähe von London. Sie sind Theaterregisseurin, erfolgreiche Investmentbankerin, Lehrerin, Unternehmerin, Alleinerziehende in kleinen Sozialwohnungen von Lesben-Kommunen in den USA, auswandernde Paare aus Nigeria, das Leben von sich in die Karibik zurückgezogenen Seniorinnen, Sozialaufsteigerinnen, Lehrerinnen, eine Trans*­Per­son und manche Figur mehr.

Evaristo zeichnet das Leben von zwölf, meist schwarzen, britischen Frauen über mehrere Jahrzehnte nach. 

 

Sprache und Stil

Die Autorin Evaristo nutzt eine eigenwillige Erzählweise. Sie verwendet kaum Satzzeichen, sondern Absätze, um ihre Sätze zu strukturieren. Satzanfänge beginnen mit der Kleinschreibung, zum Teil werden einzelne Wörter betont. Durch diesen ausgefallenen Stil der Erzählung verleiht die Autorin dem Text eine gewaltige Wucht der Sprache und erscheint wie ein Theaterstück auf einer Bühne. 

Evaristo schafft mit ihrem eigenwilligen Erzählstil in eine emotionale Tiefe vorzudringen. 

 

Nachdem ihre Eltern der 16-jährigen Penelope eröffnet haben, dass sie adoptiert ist, sitzt die Familie am Esstisch. Ohne auf Penelope einzugehen, deren „Tränen über die Wangen liefen“ wird das Essen in gewohnten Ablauf eingenommen. 

 

„verzehrten die Lammkoteletts, die Minzkartoffeln und die Buttererbsen, die es samstags immer zu Mittag gab

reichten einander die Soße

reichten einander den Pfeffer

reichten einander das Salz“. (S. 317)

 

Jedes Teil ergibt ein Bild und setzt sich langsam zu einem Mosaik zusammen, bis die Szene ihren Höhepunkt erreicht. 

 

„Fusion Fiction“ nennt Evaristo diesen Stil. Es entsteht eine Theateratmosphäre mit einer Mischung aus Beschreibungsprosa und einem Drama. 

 

Der Roman ist in 5 Kapitel aufgeteilt. Davon breiten sich in vier Kapiteln auf jeweils 30-40 Seiten die Lebensgeschichte von insgesamt zwölf Frauen mit afrikanischen Wurzeln auf, die alle lose miteinander verknüpft sind durch Verwandtschaft, Freundschaft und Liebe. 

 

Das fünfte und letzte Kapitel führt etliche der zwölf Personen auf der Premierenparty zusammen.

 

In zwölf unterschiedlichen Welten, zwölf unterschiedliche Schicksale sehr unterschiedlicher Frauen wird wie in einem Figurenreigen jedes einzelne Schicksal mit psychologischem Tiefenblick und entlarvenden Dialogen aufdeckt, bis das fünfte und letzte Kapitel etliche der zwölf Personen auf der Premierenparty zusammen führt.

 

Im Fokus der Geschichte steht Amma, die gerade ihren Durchbruch als Dramatikerin erlebt mit ihrem Stück Die letzte Amazone von Dahomney im National Theatre Premiere, dass sich mit ihrer Identität als schwarze, lesbische Frau auseinandersetzt. Ihr Weg zum Erfolg war hart. Lange hat sie gebraucht als schwarze Frau im Mainstream der Theaterszene ernst genommen zu werden. Noch immer kämpft sie als lesbisch-feministische Aktivistin für ihre Rechte und hat Selbstzweifel, tatsächlich im Establishment angekommen zu sein.

 

Ammas Tochter Yazz ist Studentin, sehr selbstbewusst, woke und voll jugendlicher Egozentrik.

 

Dominique ist die beste Freundin von Amma, lebt seit vielen Jahren in Kalifornien, ist verheiratet mit ihrer Frau Laverne, die beiden sind Mütter von zwei adoptierten Kindern. 

 

Carole, 

deren Alltagswortschatz sich im Orbit von Dividenden, Terminkontrakten und Finanzplanung bewegt“ (S. 137), kommt aus Nigeria und hat schon früh ihr Ziel vor Augen, um sich aus den ghettoähnlichen Strukturen herauszukommen. Mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Ausdauer erreicht sie die Chefetage einer internationalen Bank.

 

Bummi ist Caroles Mutter. Sie ahnt nicht „was es für Langzeitfolgen haben würde, ihre Tochter aus dieser berühmten Universität für reiche Leute zu schicken“ (S. 174) 

Sie erlebt viele Enttäuschungen und erkennt, dass ihre Tochter eigene Wege gehen wird ihre 

nigerianische Herkunft hinderlich lassend.

 

La Tisha ist Caroles beste Freundin in der Schulzeit. Ihre Wege trennen sich. Während Carole erfolgreich ist, stürzt La Tisha ab. Sie erlebt Gewalt. Mit drei Kindern von drei Männern ist ihre Perspektive für die Zukunft aussichtslos. 

 

„sie ist die Boss-Bitch vom Dienst auf Patrouille

Oder Generalmajor Mum

wie ihre Kinder sagen“ (S. 216)

 

Shirley ist Lehrerin und die älteste Freundin von Amma. Sie ist es auch, die Caroles Intelligenz und Talent erkennt und fördert. „Shirley hatte das Gefühl […] nicht nur eine großartige Lehrerin zu sein, sondern auch Botschafterin für all schwarze Menschen.“ (S. 255)

 

Winsom erlebt ein Leben voller Höhen und Tiefen. Ihr Lebensgeschichte führt sie von der Karibik nach England nach London und wieder zurück in die Karibik. Sie und ihre Kinder lernen Rassismus kennen. 

 

„kleine Kinder interessieren sich nicht für die Hautfarbe […], das kommt erst mit der Gehirnwäsche durch die Eltern“ (S. 300) 

 

Penelope ist Lehrerin in der gleichen Schule wie Shirley.

Sie ist unglücklich, einsam und trinkt etwas zu viel. Ihr Unbehagen über die zunehmende Zahl von Einwandererfamilien im Viertel ihrer Schule lässt rassistische Gedanken in ihrem Kopf entstehen. 

 

„sie konnte zugeben, dass sie ihr Ich aus den Augen verloren hatte und ganz im Wir der Ehe aufgegangen war, sogar ihren Nachnamen hatte sie aufgegeben, Penelope Halifax war zu Penelope Owsteby geworden und dann zu Penelope Hutchinson, bis sie wieder ihren Mädchennamen annahm der eigentlich auch nicht ihrer war

(diese Schande behielt sie weiterhin für sich) (S. 338)

 

Megan ist Morgan. Schon als Kind fühlte sie sich nicht als Mädchen

 

„Megan war der blinde Fleck ihrer sonst so liberalen Mutter

irgendwas stimmt nicht mit Megan, hörte sie eines Sonntags nach dem Mittagessen

Tante Sue erzählen“ (S. 349)

 

Megan fühlte sich schon als Kind nicht als Mädchen. Bereits in der Schule veränderte sie ihr Aussehen jungenhaft. Ihre Haare ließ sie kurz schneiden, sie trug Männerschuhe und ihr Äußeres nahm maskuline Züge an. Ihre Freundinnen verstanden sie nicht mehr. 

 

Hattie ist Morgans Großmutter. Sie ist dreiundneunzig Jahre alt und lebt seit dem Tod ihres Mannes Slip alleine auf einer halb verfallenen Farm. Sie trägt ein dunkles Geheimnis mit sich, dass sie nie vergessen wird. 

In der Familie ist sie auch die einzigste, die Verständnis für Megan hat: „Sei, wer du sein willst, und wir reden einfach nicht mehr drüber“. (S. 396)

 

Grace ist Hatties Mutter. Genau wie Hattie hatte sie ein schweres Leben. Auch sie trägt innere Verwundungen mit ich und nur sie kennt die dunkle Familiengeschichte ihres Mannes. Doch sie lebt nicht mehr.

 

„hättest du nur Slim kennengelernt, Ma, den Amerikaner, den Hattie geheiratet hat,

was waren wir erleichtert, als sie jemanden fand, von dem wir sicher sein konnten,

dass er sich um sie kümmert, wenn wir nicht mehr sind

hättest du nur Sonny und Ada Mae kennengelernt, Ma, deine Urenkel, ich kannte sie

selbst nur so kurz“ (S. 451)

 

Evaristo zeichnet ihre Frauenfiguren, die auf der Suche nach sechs selbst sind. Jedes Schicksal zeigt in Momentaufnahmen eine Lebensgeschichte unterschiedlicher Frauen, die Bernardine Evaristo gekonnt miteinander verwebt. Bunt gemischt und farbenprächtig führt sie manches zum ad absurdum. 

Ihre Figur Amma leitet als Regisseurin, wie ein roter Faden, durch die Geschichten. Bis zum letzten Kapitel, dass mit der Premiere ihres Theaterstückes endet.

 

Bunt wie die Geschichte wurde auch das Cover gewählt. 

 

Fazit

 

„Fünf Jahre hat Evaristo, ohne zuvor einen Plan ausgetüftelt zu haben, an dem Buch geschrieben. Sie hat die Geschichten der Frauen einzeln erzählt und sie miteinander verknüpft. Sie kennen sich, wissen voneinander, laufen einander über den Weg oder sind sogar befreundet.“

 

Quelle: Gabriele von Armin  https://www.deutschlandfunkkultur.de/bernardine-evaristo-maedchen-frau-etc-grenzenlose.1270.de.html?dram:article_id=491670/bernardine-evaristo-maedchen-frau-etc-grenzenlose.1270.de.html?dram:article_id=491670,12.09.2021. 

 

Bernhardine Evaristo greift das aktuelle Thema „Gender“ auf. Sie vermittelt humorvoll mit viel Witz und Ironie ohne belehrend zu sein. Ihre Bandbreite der Figuren decken die mehr oder weniger traditionellen Geschlechterstereotypen in  Mädchen, Frau etc.“.ab.

Sie gibt prägnante und queere Einsichten in Lebenswelten. Sie offenbart Genrationen-Konflikte und berichtet auch von Grabenkämpfen innerhalb der Aktivistinnenbewegungen. 

 

„Gender wie Trans*Frau oder Trans*Mann und […] nicht-binär leuchteten ihr ein, von anderen platzte einem aber echt der Kopf, quivergender zum Beispiel […] eine Genderidentität, die in ihrer Intensität fluid war [...], polygender […] die mehrere Geschlechtsidentitäten umfasste  oder staticgender […] so was wie das weiße Rauschen im Fernsehen […] und wie kann man seine Geschlechtsidentität denn mehrmals am Tag wechseln, wie die synchgender-Leute behaupten?“  (S. 364 f.)

 

 

 

 

Lesenswert 

 

 

 

 

Mädchen, Frau etc.

Bernardine Evaristo, aus dem Englischen von Tanja Handels

Erscheinungsdatum: 23.01.2021

Verlag: Tropen bei Klett-Cotta