Zwei Schicksale 16. bis 26. Kapitel

 

Mit der Trennung von Botho und Lene setzt der zweite Handlungsteil ein. Botho hat Käthe geheiratet und Lene baut eine Beziehung zu Gideon auf.  Beide Teile dieser Handlung sind nur scheinbar äußerlich getrennt, aber sie sind doch innerlich ineinander verwoben. Es zeigt sich, dass sowohl Botho als auch Lene es nicht gelingt eine emotionale Bindung zu lösen. Botho vergleicht seine Frau Käthe immer wieder mit Lene und Lene bricht zusammen, als sie Bothe und Käthe aus der Ferne sieht. 

 

•          Botho und Käthe (Kapitel 16-23)

Botho heiratet seine Cousine Käthe. Das die Ehe nur dem Zweck entspricht, wird beiden schnell klar. Seine Frau Käthe war laut dem Baron Botho eine oberflächliche Person. Käthe stellt nicht nur durch ihre Lebenswelt, sondern besonders durch die Wesensart ihrer Figur einen Kontrast zu der Figur der Lene dar. „Käthe ist 22 Jahre alt, und hat den Ton der grossen Welt. Sie verfügt über Vermögen, dass das Rienäckerische Vermögen weit übersteigt.“  (Vgl. S. 110) Außerdem wird sie als hübsche, fröhliche Frau: „Zähne wie Perlen und lacht immer, daß man die ganze Schnur sieht. Eine Flachsblondine zum Küssen […]“ beschrieben. (S.53) Käthe ist beliebt. In Konversationen plaudert sie viel und lebhaft. Im Kreis des Adels überzeugt sie mit ihrer Fähigkeit zu sprechen, denn Käthe „übte die Kunst des gefälligen Nichtssagens mit einer wahren Meisterschaft.“ (S.143)  

Bothos Freunde und Bekannte finden sie „reizend“ und mit ihrem Talent zu unterhalten, erfüllt sie den gesellschaftlichen Anspruch ihres Standes. Sie wird nicht nur von Bothos Freunden als „reizende kleine Frau“ (S. 189) angesehen, sondern auch von einer Frau Salinger, die sie auf einer Kur kennenlernt hatte. Diese sagte zu Botho, „wie glücklich er sein müsse, solche reizende junge Frau zu haben.“ (S 167) Käthe stört es nicht, dass Menschen sie nach ihrem Äußeren bewerten. Botho nennt sie einmal „Käthe, Puppe, liebe Puppe“ (S.194) Sie meint, sie sollte das eigentlich übel nehmen, denn „mit Puppen spielt man“. Aber es mache ihr nichts aus, denn „Puppen werden am meisten geliebt und am besten behandelt“, und darauf komme es ihr an (Vgl. ebd.). 

Das Talent des Redens macht sie neben ihrer Attraktivität auf der einen Seite zu einer amüsanten und beliebten Person in ihrem Milieu, dem Landadel. Auf der anderen Seite macht es sie aber auch zu einem Produkt der Gesellschaft. Käthe gefällt zwar und erfüllt die Erwartungen, aber sie zeichnet sich nicht durch besondere, positive oder individuelle Charaktereigenschaften aus. Botho liest ihre Briefe aus der Kur und erkennt wie nichtssagend diese sind. Er merkt „[…] es fehlt etwas. Es ist alles so angeflogen, so bloßes Gesellschaftsecho“ (S.158) 

 

•          Lene und Gideon (Kapitel 24-26)

Lene hängt nach ihrer Trennung immer noch an Botho. An einem Tag sieht Lene zufällig Botho mit seiner Frau spazieren gehen. Diese Situation ist für Lene unerträglich. Sie beschließt aus dem Stadtviertel wegzuziehen. In ihrer Konsequenz geht sie mit dem Umziehen einer möglichen Konfrontation mit Botho oder der Vergangenheit aus dem Weg. Nachdem sie mit ihrer Mutter umgezogen ist, lernt sie den Fabrikmeister Gideon Franke kennen. Dieser macht Lene einen Heiratsantrag. Daraufhin erzählt sie ihm von der Liebesaffäre mit Botho. Trotz Lenes Liebesgeständnis mit Botho, ist Gideon bereit sie zu heiraten. Gideon geht zu Botho, um herauszufinden, „was es mit der Lene eigentlich sei“ (S. 161). Botho erklärt ihm, Lene sei ein sehr ehrlicher, guter Mensch, und Gideon sollte sie heiraten, selbst wenn sie keine Jungfrau mehr sei (S.163 f.) Gideon denkt daraufhin darüber nach, inwiefern religiöse Grundsätze in Bezug auf Lenes Heiratseignung zu vernachlässigen seien, und kommt zu folgendem Schluss: „Ja, Herr Baron, auf die Proppertät kommt es an, und auf die Honnettität kommt es an und auf die Reellität. Und auch im Ehestande. Denn ehrlich währt am längsten, und Wort und Verlass muss sein. Aber was gewesen ist, das ist gewesen, das gehört vor Gott“ (S.165). Bei dem Gespräch erfährt Botho auch von dem Tod der Frau Nimptsch. Daraufhin sucht er das Grab von Frau Nimptsch auf, um Blumen niederzulegen und fängt an, in Erinnerung an Lene zu schwelgen. Im Anschluss daran verbrennt er Lenes Briefe und Blumen. Doch diese Geste kann die Erinnerungen an Lene nicht verhindern.

Gideon heiratet Lene. Damit setzt Gideon sich über die gesellschaftlichen Konventionen hinweg und entscheidet nach eigenem moralischem Empfinden und beweist große Toleranz und Verständnis, obwohl in dieser Zeit die Normen für Eheschließungen sehr streng waren. Er zeigt roße persönliche Stärke. Aber es wird nichts direkt darüber ausgesagt, ob Lene und Gideon romantische Gefühle füreinander hegen. Lene sagt zu Gideon, sie wolle ihn heiraten, weil sie ihn „für einen ehrlichen und zuverlässigen Mann hielte“ (S.150). Als sie seinen Antrag annimmt, nimmt Gideon Lenes Hand und ruft gut gelaunt: „Na, Lene, denn also abgemacht!“ (ebd.). Diese Szenen deuten eher eine Eheschließung an, die nicht auf Liebe, aber auf gegenseitigem Vertrauen und Freundschaft basiert.

Lenes Mutter beschreibt Lenes Einstellung zur Heirat mit Gideon mit den Worten: „Nu, Lene, die nähm’ ihn schon. Und warum auch nich? “ (S.140).

 

•          „Gideon ist besser als Botho“

Der Schluss des Romans zeigt den „Alltag” bei Botho und Lene unabhängig voneinander. Beide haben sich mit ihrem neuen Leben arrangiert. Lene heiratet Gideon Franke, einen Quacksalber, der aus Amerika zurückgekommen ist, dort mehreren Sekten angehörte und nun zu seiner igenen Religion gefunden hat. Als Käthe die Heiratsanzeige vorliest, findet sie den Namen komisch. Doch Botho kommentiert hintergründig: „Gideon ist besser als Botho.” In beidem steckt etwas Wahres. Gideon Franke ist besser als Botho, weil er sich über die Konventionen der Zeit hinwegsetzt und die ehemalige Geliebte eines Adligen heiratet. Aber gerade deswegen trägt er in dieser Zeit selbst komische Züge.