Ein Schicksal 1. bis 15. Kapitel 

 

Ein Liebesverhältnis ohne Bestand

Der Roman spiegelt die Probleme der späten Ständegesellschaft: „Ein Stand bezeichnet sowohl eine bestimmte rechtliche Stellung als auch die damit verbundene gesamte Art der Lebensführung sowie eine daran gekoppelte Vorstellung einer standesspezifischen Ehre.“ 5

Die zwei Monate alte Liebe zwischen Lene und Botho zerbricht an der Standesschranke und an Rienäckers Geldsorgen.

 

•          Das Verhältnis Lene und Botho (Kapitel 1- 5)

 

In den Kapitel 1-5 wird das Verhältnis Lenes zu Botho geschildert.  Es wird deutlich, dass Lene und Botho in verschiedenen Welten leben und dass das Liebesverhältnis von Anfang an gefährdet ist. Die Tatsache, dass sich die beiden Verliebten eines Tages trennen, wird schon lange vor diesem Ereignis im Roman sichtbar. Die Liebe zwischen Botho und Lene findet nur im Verborgenen statt. Dafür ist die Gärtnerei der Platz, wo etwas im Verborgenen geschehen darf, wo beide den neugierigen Blicken der Vorübergehenden entgehen, aber durchaus entdeckt werden könnten.(s. Kapitel 7.3 Fontanes literarische Landschaften)

 

„An dem Schnittpunkt von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem ‘Zoologischen’, befand sich Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, deren kleines, dreifenstriges, in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurückgelegenes Wohnhaus, trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, von der vorübergehenden Straße sehr wohl erkannt werden konnte. Was aber noch zu dem Gesamtgewese der Gärtnerei gehörte, ja die recht eigentliche Hauptsache der selben ausmachte, war durch ebendieses Wohnhaus wie eine Kulisse versteckt, und nur ein rot und grün gestrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Ziffernblatt unter der Turmspitze (von Uhr keine Rede) ließ vermuten, daß hinter dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein müsse, (...). Es war die Woche nach Pfingsten, die Zeit der Langen Tage, deren blendendes Licht mitunter kein Ende nehmen wollte.” (S.5 f.)

 

Gleich zu Beginn des Romans wird auf die Brüchigkeit der nahezu unmöglichen Beziehung zwischen der einfachen Plätterin Lene Nimptsch und dem Adligen Botho von Rienäcker hingewiesen wie zum Beispiel der Hinweis auf die zerbrochene Uhr.  

Im Laufe des Romans werden die Zeichen immer eindeutiger und die anfängliche Vorahnung eines nichtglücklichen Ausganges wird bald zur Gewissheit. Botho schwärmt von einer gemeinsamen Zukunft mit Lene. Doch Lene macht sich keine Illusionen. Sie fürchtet auch Bothos Mutter.

 

„Glaub`s. Und mir ist als ob ich Furcht vor ihr haben müsste.“ (S.37)

„…Und dass all ihre Kinder reiche, das heißt sehr reiche Partien machen. Und ich weiß auch wen sie für dich in Bereitschaft hält.“ (S.38)

 

Sie sieht voraus, dass Botho den Druck nicht standhalten und gehen wird, auch wenn es noch nicht konkret ist. Er wird „wegfliegen“.

Lene ist weiterhin sehr rational, denn über die Haltbarkeit ihres Verhältnisses zu Botho macht sie sich von Beginn an keine Illusionen.

 

„Glaub mir, daß ich dich habe, diese Stunde habe, das ist mein Glück. Was daraus wird,das kümmert mich nicht. Eines Tages bist du weggeflogen... .” Er schüttelte den Kopf.„Schüttle nicht den Kopf; es ist so, wie ich es sage. Du liebst mich und bist mir treu, wenigstens bin ich kindisch genug, es mir einzubilden. Aber wegfliegen wirst du, das sehe ich klar und gewiss. Du wirst es müssen. Es heißt immer, die Liebe macht blind, aber sie macht auch hell und fernsichtig.” (S.38)

 

Lene weiß, dass die Liebe nie öffentlich gemacht werden kann, da Botho adelig ist und sie nur aus dem bürgerlichen Stand kommt.

 

„Weißt du, Botho, wenn ich dich nun so nehmen und mit dir die Lästerallee drüben auf – und abschreiten könnte, so sicher wie hier zwischen den Buchsbaumrabatten, und könnte jedem sagen: ›Ja, wundert euch nur, er ist er und ich bin ich, und er liebt mich und ich liebe ihn‹ ,- ja, Botho, was glaubst du wohl, was ich dafür gäbe?“ (S.39)

 

Damit ist die Garten-Idylle zerstört und Botho kann gegen Lenes Unterscheidung: ‚ich‘ und mein Leben – ‚ihr‘ und ‚euer Leben‘ (S. 39 ff.) sachlich nichts einwenden.

 

„Ihr kennt ja nur euch und euren Klub und euer Leben. Ach das arme bisschen Leben.“ (S.39)

 

Am Schluß der Exposition6 zeigt sich zunächst eine harmonische Beziehung, aber die Störung der idyllischen Gartensituation greift auf die Störung der großen Idylle in „Hankels Ablage“  vor, wo dann das Liebesverhältnis endgültig zerstört wird.

 

•          Bruch der Beziehung zwischen Lene und Botho (Kapitel 6-13)

Ab Kapitel 6 entsteht eine Konfliktsteigerung Das Ende der Beziehung wird vorbereitet. 

Einen besonderen Höhepunkt bildet der Aufenthalt in „Hankels Ablage“. „Hankels Ablage“ der idyllische Ort ihrer Liebe, dass auch „Etablissement“ heißt (S. 76 f.), mag zunächst noch harmlos klingen, greift aber doch bereits auf das Erscheinen der drei Leihfrauen vor. Die geheim gehaltene Beziehung rückt ins öffentliche Licht, als Bothos Freunde während des Wochenendausflugs nach Hankels Ablage mit ihren Mätressen dort auftauchen. Im Kontrast zu diesen Mätressen wird Lene als eine Ausnahmeerscheinung in einer Adel - Bürgertum - Beziehung deutlich. 

 

 „Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind wohl am Ende mit hier dabei”, und sie ies

 aufs Herz, „und tun alles aus Liebe? Ja, Kind denn ist es schlimm, denn gibts ‘nen Kladderadadsch.” (S.103)

 

Ihre Liebe zu Botho unterscheidet sich von der der Mätressen dadurch, daß sie nicht auf einen finanziellen Vorteil bedacht ist, sondern die höhere Ambition der „wahren Liebe” hat, eben mit dem Herzen dabei ist. Die Verhältnisse der Freunde Bothos sind dem gegenüber auf ein bloßes Tauschgeschäft reduziert. finanzielle Zuwendung gegen „Liebe”. Die Idylle beider, Botho und Lene, ist nun gestört und wird zusätzlich von Botho unterstützt, als Botho die geltende „Parole“ (S. 96) der Kameraden übernimmt und Lene auf eine Stufe mit den drei Leihfrauen stellt.

Allein in ihrem Zimmer betrachtet sich Lene später die an der Wand hängenden Bilder. sie kam über ein bloßes Silbenentziffern nicht hinaus, und das gab ihr, so klein die Sache war, einen Stich ins Herz, weil sie sich der Kluft dabei bewußt wurde, die sie von Botho trennte. Der spöttelte freilich über Wissen und Bildung, aber sie war klug genug, um zu fühlen, was von diesem Spott zu halten war.”

Die Standes- und Bildungsunterschiede der beiden sind spätestens in diesem Moment klar und als Behinderung der Beziehung deutlich geworden. Während des Aufenthalts in Hankels Ablage verstärkt sich der Eindruck, daß die Beziehung ihrem Ende entgegengeht. Beide Protagonisten wissen, dass ihr Glück begrenzt ist, denn „Jeder (...) hing seinem Glück und der Frage nach, wie lange das Glück noch dauern werde.” (S.82) 

 

„Es waren Stiche, die sie nach dem Gegenstande, lebhaft interessierten, und so wollte sie gerne wissen, was es mit den Unterschriften auf sich habe. ‘Washington Crossing The Delaware’ stand unter dem einen, ‘The Last Hour At Trafalgar’ unter dem anderen. Aber sie kam über ein bloßes Silbenentziffern nicht hinaus, und das gab ihr, so klein die Sache war, einen Stich ins Herz, weil sie sich der Kluft dabei bewußt wurde, die sie von Botho trennte. Der spöttelte freilich über Wissen und Bildung, aber sie war klug genug, um zu fühlen, was von diesem Spott zu halten war.” (S.90)

 

Die Heimfahrt der beiden erfolgt ohne Heiterkeit (vgl. S.105 ff.).  Lene deutet beim Abschied die Situation so, dass das Verhältnis zu Ende geht und der Traum vom Glück vorbei ist. (Vgl. S.106 ff.) 

 

•          Wendepunkt (Kapitel 14-16)

Botho und seine Familie sind in Geldnot. Trotzdem lebt er weiter verschwenderisch und frönt dem Müßiggang. Die Wohnung Bothos wird als äußerst luxuriös beschrieben. Durch die elegante Einrichtung und die vielen Gemälde übersteigt sie im Preis deutlich das, was sich Botho leisten kann. Seine Kunstliebe entstand durch eine Verlosung: Bei dieser gewann er das Gemälde "Seesturm" von Andreas Achenbach. Das Gemälde gefiel ihm so sehr, dass er sich mehrere weitere Bilder des Malers kaufte. Später kamen auch die Bilder anderer Maler hinzu. (vgl.S.40 f.)

 

Seine Freunde sind sich sicher, dass Rienäcker seine Cousine Käthe von Sellenthin heiraten wird. 

 

„Die Verhältnisse werden ihn zwingen und er wird sich lösen und frei machen,

schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen. Es tut weh, und ein Stück Leben bleibt

dran hängen. Aber das Hauptstück ist doch wieder heraus, wieder frei.” (S.60)

 

Botho erhält einen Brief von Onkle Osten der ihn zu einem Treffen einlädt. Beim Treffen fordert Bothos Onkel ihn auf, die ihm versprochene Käthe von Sellenthin zu heiraten (S.51 f.), und greift damit auf den Brief der Mutter vor, die Botho ihrerseits drängt, zum Wohl der ganzen Familie Käthe zu heiraten (S.108 ff.)

 

»Schloß Zehden. 29. Juni 1875 – Mein lieber Botho. Was ich Dir als Befürchtung in meinem letzten Briefe mitteilte, das hat sich nun erfüllt: Rothmüller in Arnswalde hat sein Kapital zum 1. Oktober gekündigt und nur ›aus alter Freundschaft‹ hinzugefügt, daß er bis Neujahr warten wolle, wenn es mir eine Verlegenheit schaffe. Denn er wisse wohl, was er dem Andenken des seligen Herrn Barons schuldig sei [«].“ (S.108.)

 

Der Brief der Mutter macht eindringlich deutlich: Rienäckers sind pleite. Eine Abkehr des finanziellen Ruins kann nur durch Hochzeit mit Käthe möglich gemacht werden. Auffallend ist seine Reaktion auf den Brief der Mutter: "Dacht’ ich’s doch... Ich weiß schon, eh ich gelesen. Arme Lene." (S.108) Ohne jeden Anflug von Bestürzung nimmt er das Ende seiner Beziehung als gegeben hin.

 

„[»] Es gibt nichts, was Du, Deinen Worten und Briefen nach zu schließen, mehr perhorreszierst als Sentimentalitäten, und doch fürcht' ich, steckst Du selber drin, und zwar tiefer, als Du zugeben willst oder vielleicht weißt. Ich sage nicht mehr.«“ (S.108)

 

Botho muss sich entscheiden. Der Brief der Mutter setzt ihn unter Druck und löst Reflexionen aus, was er kann und wer er ist. 

 

„» Wer bin ich?  […] Und was kann ich?  Ich kann ein Pferd Stallmeistern, einen Kapauen tranchieren und ein Jeu machen. Das ist alles […]«“. (vgl. S.112) 

 

Botho hat keinen „Beruf“, kann Lene nicht ernähren.

Botho unternimmt einen Ausflug in die Jungfernheide um eine Entscheidung zu fällen.  Er ist so versunken in seinen Überlegungen, dass er vergisst sein Pferd zu führen. Sein Pferd führt, bestimmt den Weg. An dieser Metapher wird deutlich, dass er nicht in der Lage ist, sein Leben selbst zu bestimmen. So kommt er an das Grab des im Duell getöteten Oberst von Hinckeldey und deutet es als ein besonderes Zeichen, das sein Pferd ihn hierhergeführt hat.

An diesem Ort beschließt Rienäcker, „daß es nicht an ihm ist, die Welt herauszufordern und ihr in aller Öffentlichkeit den Krieg zu erklären […]”,(S.113) dass „das Herkommen unser Tun bestimmt”(S.115). deshalb wird er sich der in die Heirat fügen.  Lene stimmt in seiner Phantasie ihm zu. Damit hat er zugleich den Abbruch der Beziehung zu Lene beschlossen. Er schreibt dann einen Brief an Lene und bittet um ein „Auf Wiedersehen, nur noch einmal auf Wiedersehen.“ (S.116) 

Lenes Reaktion auf diese Mitteilung ist gefasst. Lene wusste von Beginn an, daß ein Glück mit Botho zugleich auch Glücksverzicht bedeuten würde, nur ein zeitlich und örtlich begrenztes Glück. Sie denkt zurück an die glücklichen Stunden in Hankels Ablage und zieht ihr Resümee.

 

„Ach, es war ein schöner Tag damals, und so heiter und glücklich bin ich nie gewesen, nicht vorher und nicht nachher. Noch in diesem Augenblick lacht mir das Herz, wenn ich daran zurückdenke, wie wir gingen und sangen: (...). Ja, Erinnerung ist viel, ist alles. Und die hab ich nun und bleibt mir und kann mir nie mehr genommen werden. (...) Ich habe es so kommen sehen, von Anfang an, und es geschieht nur, was muß. Wenn man so schön geträumt hat, muß man Gott dafür danken und darf nicht klagen, daß der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. (...)” „Aber es ist was, und das quält mich eben und ist mir doch, als ob ich dir ein Unrecht getan hätte.” „Davon spreche ich dich frei. Du hast mir kein Unrecht getan, hast mich nicht auf Irrwege geführt und hast mir nichts versprochen. Alles war mein freier Entschluß. Ich habe dich von Herzen liebgehabt, das war mein Schicksal, und wenn es eine Schuld war, so war es meine Schuld. Und noch dazu eine Schuld, derer ich mich, ich muß es dir immer wieder sagen, von ganzer Seele freue, denn sie war mein Glück. Wenn ich nun dafür zahlen muß, so zahle ich gern.” (S.118 f)

 

Beim Abschied hat vor allem Lene das letzte Wort; sie wünscht ihm das Glück, das er ihr geschenkt habe, und bleibt bis zum Schluss dabei, ihn „mein Einziger“ zu nennen (vgl.121).

Nun lebt sie von der Erinnerung daran, denn „Erinnerung ist viel, ist alles”. (S.118) Die Zukunft ihres Glücks liegt in der Vergangenheit, in der Erinnerung. Lene übernimmt ohne Einschränkung die Verantwortung für ihr eigenes Handeln. Sie sucht keine Entschuldigungen und sie klagt auch Botho nicht an. Sie bedauert nichts und ist frei von Schuldgefühlen.

kann ihr nicht mehr genommen werden.

Das ganze Geschehen dauert vier Tage: zwei Tage für Hankels Ablage, einen Tag für Bothos Entscheidung nach dem Brief der Mutter, einen Tag für den Abschied.