Der zeithistorische Hintergrund des Romans 2

 

Theodor Fontane schrieb „Irrungen, Wirrungen“ in den 1880er Jahren. Seit 1870 war Preußen mit seiner Hauptstadt Berlin erstarkt wie nie zuvor. Bei seinem Sieg im deutsch-dänischen Krieg 1864 hatte es Schleswig und Holstein gewonnen, im deutsch-französischen Krieg, in dem Preußen erneut als Sieger hervorging, Elsass-Lothringen erobert. Die Kriegsentschädigung, die Deutschland von Frankreich forderte, kurbelte die deutsche Wirtschaft an wie nie zuvor. Das Deutsche Reich, das 1871 nach Beendigung des Krieges unter Ernennung des preußischen Königs Wilhelm I. zum deutschen Kaiser, gerade erst gegründet worden war, erhielt einen immensen Aufschwung. Diese Zeit wird allgemein als die deutschen Gründerjahre bezeichnet, in der eine wahre industrielle Revolution stattfand. Wo früher der Großteil der Menschen in der Landwirtschaft arbeiteten, setzte jetzt eine wahre „Landflucht“ in Richtung der Städte ein, in denen die zahlreichen, neu erbauten Fabriken dringend vieler Arbeiter bedurften. Die Möglichkeit, durch seiner Hände Arbeit nicht nur berufsmäßig auf der Stelle zu treten, sondern eventuell sogar in der Arbeiterhierarchie aufzusteigen so wie die Unabhängigkeit von Wind und Wetter in Bezug auf die finanzielle Lebenssicherung machten die Städte für eine Vielzahl von Menschen so attraktiv, dass die Bevölkerungsrate der Städte stetig anstieg. In Berlin wuchs die Anzahl der Einwohner zum Beispiel von 930.000 im Jahr 1871 auf ganze 1.800.000 im Jahr 1887, was einer Verdoppelung der Bevölkerungsdichte innerhalb von nur 16 Jahren entspricht.Die wirtschaftliche Macht Deutschlands wurde vorangetrieben durch die Arbeit der bürgerlichen Unterschicht, des so genannten Vierten (Arbeiter)Standes, die Macht lag jedoch ausschließlich beim Adel. Das Militär genoss allerhöchstes Ansehen, allerdings konnten nur Adlige höhere militärische Ränge ausüben. Der Kaiser vertraute in politischen Fragen seinem Kanzler Otto von Bismarck, der sich durch seine Unterstützung der liberalen Parteien den konservativen Adel zum Feind machte. Obwohl nicht eben sozial eingestellt, sah sich Bismarck gezwungen, aufgrund des stetig anwachsenden Bevölkerungsstromes in die Städte und der damit einhergehenden starken Verschmutzung der Reichshauptstadt Gesetze zu erlassen, die den Arbeitern der Unterschicht das Leben etwas erleichterten. Wo zu Zeiten von „Irrungen, Wirrungen“ noch kaum hygienische Zustände herrschten (die Straßen waren einzige Kloaken, es gab kaum fließend Wasser, die Menschen lebten auf engstem Raum zusammen, immer in der Angst, eine Seuche könne ausbrechen), schuf er ein Abwassersystem, das Berlin reinigte, eine Trinkwasserversorgung für Jedermann so wie eine medizinische Grundversorgung. Er regelte die Kinderarbeit in halbwegs erträgliche Bahnen, führte die Schulpflicht ein und sorgte für arbeiterfreundliche Gesetze. All diese Zugeständnisse an das einfache Volk riefen beim Adel wahre Empörungsstürme hervor, der das darin investierte Geld lieber dem Militär wollte zukommen lassen. In der eingeführten Schulpflicht und der Verbilligung des Buchdrucks sah der Adel eine Bedrohung seiner eigenen Vorrechte und Privilegien (wie etwa Bildung). Und tatsächlich kam es in der folgenden Zeit immer wieder zu Bürgerrechtsbewegungen, die, angespornt durch die neuen Freiheiten, mehr Rechte für sich forderten. Denn trotz der neuen Gesetze waren die Zustände in den Fabriken noch immer schlecht, das Los der Arbeiter hart. Die Liberalen so wie der Adel ignorierten diese Zustände und verwiesen die Bürger auf ihr Schicksal, während Anhänger des Proletariats vehement dagegen aufbegehrten. Die „Soziale Frage“ führte zu langwierigen, schier unlösbaren Problemen, die letztendlich immer wieder in Arbeiteraufständen und deren militärische Niederschlagung endeten. Bis zur Emanzipierung des Kleinbürgertums und der Arbeiterschicht war es noch ein langer Weg, der erst nach dem Ende des deutschen Kaisertums in der Weimarer Republik wirklich gelöst werden konnte.