ADALBERT STIFTER (1805-1868) Die Sprache im Biedermeier war eine Andere, jedoch war sie nicht weniger berührend.

"Oft und oft, wenn ich die ewigen Sterne sah, diese glänzenden Tropfen, von dem äußeren, großen Weltenozean auf das innere blaue Glöcklein hereingespritzt, das man über uns Infusionstierchen gedeckt hat – wenn ich sie sah und auf ihnen dachte dieses Unmaß von Kräften und Wirkungen, die zu sehen und zu lieben ich hinieden ewig ausgeschlossen bin, so fühlte ich mich fürchterlich einsam auf der Insel „Erde“--und sind denn nicht die Herzen ebenso einsam in der Insel „Körper“? Können sie einander mehr zusenden als manchen Strahl, der noch dazu nicht immer so freundlich funkelt, als der von den schönen Sternen? Wie jene Herzen des Himmels durch ein einziges, ungeheures Band verbunden sind, durch die Schwerkraft, sollten auch die Herzen der Erde verbunden sein durch ein einziges, ungeheures Band – die Liebe – aber sind sie es immer?

Noch sind Kriege, noch sind Reichtum und Armut.

Was hat denn der unergründliche Werkmeister vor mit dem Goldkorn Mensch, das er an einen wüsten Felsen klebt, dem gegenüber der glänzende Sand einer endlosen Küste schimmert, der Saum eines unentdeckten Weltteils? Und wenn dereinst ein Nachen hinüberträgt, wird da nicht etwa wieder eine neue, schönere Küste herüberschimmern?--

Ich weiß nur das eine, Titus, dass ich alle Menschen, die eine Welle dieses Meeres an mein Herz trägt, für dies kurze Dasein lieben und schonen will, so sehr es nur ein Mensch vermag – ich muss es tun, dass nur etwas, etwas von dem Ungeheuren geschehe, wozu mich dieses Herz treibt. - Ich werde oft getäuscht sein, aber ich werde wieder Liebe geben, auch wenn ich nicht Liebe glaube – nicht aus Schwäche werde ich es tun, sondern aus Pflicht. Hass und Zank zu hegen oder zu erwidern ist Schwäche – sie zu übersehen und mit Liebe zurückzuzahlen ist Stärke."

Quelle Text: Die schönsten Erzählungen aus Österreich, Feldblumen, Adalbert Stifter (1805-1868)